Bohnenstangen statt Neubebauung:
Jahrelang scheiterten Versuche der Stadt,   
den nördlichen Teil des Weissheimer-Areals
an der Rheinpromenade zu verkaufen.   
Erst ein Investorenwettbewerb, aus dem  
die Anne-Ehl-Stiftung aus Urbar als Sieger
hervorging, brachte die Wende. Das von  
der Stiftung vorgeschlagene Konzept eines
gemischten Quartiers überzeugte Verwal-
tung und Stadtrat gleichermaßen. Im Juni
2017 wurden ein Kauf- und ein städte-
baulicher Vertrag abgeschlossen, in dem  
sich der Investor dazu verpflichtet, das
Projekt bis spätestens 2021 fertig- 
zustellen.
Ein Gigant fällt: Abriss der letzten Malzfabrik
"Without beer no plaisir, hiks!"
Der Krawattenmann - auch der "Weissheimer-Fluch" genannt
Nach den Vorstellungen des Architekten Tom Naujack führt vom Merowingerplatz (re.) eine
Freitreppe hinunter in den mehrere Meter unter dem Niveau der Hochstraße gelegenen
archäologischen Garten. Der wird außerdem über die Kirchstraße (links) erschlossen. Die
Römertherme soll, um vor der Witterung geschützt zu sein, komplett eingehaust werden (im
Park rechts oben), ein Café mit Sonnenterrasse für Aufenthaltsqualität sorgen. Eine offene
Stelle in der spätrömischen Kastellmauer (Mitte) verbindet mit dem Hotel (oben), das das Café
betreiben könnte. Ein Museum soll die Kleinfunde zeigen; es könnte entweder direkt im Park
oder an der Ecke der geplanten neuen Häuserzeile am Merowingerplatz entstehen.
© Naujack, Rind, Hof
Stiftung bringt das Happy End

Die Grundstücke an der Hochstraße verkaufte die Stadt bereits 2015 an den Andernacher
Bauverein. Die traditionsreiche Genossenschaft erbaute hier für ihre Mitglieder zwanzig
barrierefreie Wohnungen, vier Maisonettewohnungen und eine Tiefgarage (s. Zeichnung
oben). Planer war das Architekturbüro Gesell, das schon das Mehrgenerationenhaus des
Bauvereins in der Karolingerstraße entwarf.

Schwieriger verlief die Vermarktung des Grundstücks an der Konrad-Adenauer-Allee,      
im Norden des ehemaligen Weissheimer-Geländes. Zuletzt war ein einheimischer Projekt-
entwickler mit dem Versuch gescheitert, hier ein Tagungs- und Wellnesshotel im Vier-
Sterne-Rang mit 100 Zimmern zu bauen. Für das ehrgeizige Projekt fand sich offenbar   
kein Geldgeber. Das nötige Kleingeld hatte erst die Stiftung eines ehemaligen Baustoff-
unternehmers parat, den ein sehr persönliches Schicksal mit der Bäckerjungenstadt
verbindet. Er errichtete in Rekordzeit das Quartier "Am Römerpark", bestehend aus
Mietwohnungen für Jung und Alt sowie einem etwas kleineren Hotel mit Tagungsräumen
und Rooftop-Gastronomie. Vielleicht hatte er es deshalb so eilig, weil er schon fast    
achtzig Jahre zählt. Späte Karrieren, hier als Bauherr, sind die schönsten, weil sie nie-   
mand mehr erwartet hat.
© Gesell, Kriesten + Partner
Im Rückblick erstaunt es, dass der Stadtrat so wenig diskussionsfreudig war, als Tom
Naujack seinen Masterplan für die Gestaltung des Weissheimer-Geländes vorstellte. Denn
alternativ wären neue Wohnhäuser auch im westlichen Teil der Hochstraße möglich gewesen,
schmale Stadthäuser etwa, wie sie schon vor über dreißig Jahren in der Oberen Wallstraße
entstanden. Im denkmalgeschützten Gebäude Nr. 11, dem ehemaligen Bürgermeisterhaus aus
dem 18. Jahrhundert, hätte die Stadt Sozialwohnungen bauen können - und ein neues Stadt-
museum auf dem ehemaligen Parkplatz am Runden Turm.

Bei einer Freihaltung der Hochstraße zwischen Kirchstraße und Merowingerplatz hätte    
sich der historische Garten* bis zur Hochstraße ausdehnen können. So wäre der Blick auf das
Kolpinghaus, sprich: die Andernacher Altstadt, erhalten geblieben und der Garten nicht in eine
Sandwich-Position, zwischen die Neubauten an der Hochstraße und der Konrad-Adenauer-Allee,
gezwängt worden. Entlang der Stützmauer an der Hochstraße hätte man ein Stück "Essbare
Stadt" - Obst, Gemüse, Spaliergehölze - anpflanzen können. Zusätzlich hätte ein Investor ein
Café oder Restaurant bauen können, das sich an die Mauer anlehnt (so, wie sich eine Orangerie
an die Mauer eines Barockgartens anlehnt). Die Prosa der Reihenhäuser stört die Poesie des
Gartens jedenfalls empfindlich. Dazu tragen vor allem die Betonwälle der Tiefgarage bei,  
mögen sie auch noch so routiniert mit dem Patentmittel Grauwacke verkleidet sein.
*) Auch bei dieser Freifläche folgte die Verwaltung einem zweifelhaften Expertenrat. Dieselben
Archäologen, die jahrelang das Gelände umgepflügt und tiefe Einblicke in Andernachs Geschichte
freigelegt hatten, rieten davon ab, der Öffentlichkeit die römische Thermenanlage zu präsentieren.
Römische Bäder gebe es schon in vielen Städten und die Folgekosten seien zu hoch. Also schüttete
die Stadt die Reste der Therme und eines Getreidespeichers wieder zu und deutet ihre Existenz nur
durch passende Pflanzen an (Lavendel symbolisiert die Badeanlage). Ein Schildbürgerstreich - eine
der ältesten deutschen Städte versteckt ihre römischen Relikte! Dem Autor ist im nördlichen
Rheinland-Pfalz allein das Bad der Römervilla in Bad Neuenahr-Ahrweiler bekannt. Im Gegensatz  
zur XXL-Einhausung der Villa am Silberberg ließen sich die Andernacher Funde sicher bescheidener
konservieren, ohne ihren Schutz aufs Spiel zu setzen. Zuschütten sei die beste Konservierung,
meinen Schlaumeier. Doch ein historischer Garten ohne sichtbare Historie ist nur eine beliebige
Grünfläche, ein Ort, an dem sich Einheimische und Touristen verschaukelt fühlen. Wie viel ist
Andernach seine römische Vergangenheit wert - nachdem die Wühlmäuse so lange wühlten?
 
Beton verdrängt Archäologie, Tiefgarage zermalmt Historie - mit den Bausünden der Vergangenheit (den Weissheimer-Silos) kann die Gegenwart durchaus mithalten...
Wo der Lavendel blüht, gingen einst die Römer baden - doch woher soll der Besucher das wissen? Keine Infotafel weist ihn darauf hin.
Verflixt und zugebaut: Angesichts der fertiggestellten Reihenhäuser des Bauvereins an der
Hochstraße beschleicht einen das Gefühl, dass die Dreiteilung des Areals, die das Architekten-
büro der Stadt vorschlug, städtebaulich problematisch ist. Der freie Blick vom Rhein her auf
Andernachs Altstadt, auf das Kolpinghaus und den Merowingerhof, ist passé. Der Neubauriegel
entfaltet, weil er deutlich höher liegt als der archäologische Garten, eine unangenehme optische
Dominanz. Aufgrund seiner Tiefe staucht er die Ausdehnung des Gartens zusammen. Die
Einfahrt zur Tiefgarage mit ihren voluminösen Betonwällen ragt viel zu weit ins Gelände hinein.
Und der Anblick der Rückfront der Häuser mit ihren vielen Balkonen, Terrassen und liegenden
Fenstern ist alles andere als prickelnd.
"Ausgrabungen bedeuten immer eine vollständige Zerstörung des archäologi-schen Originals."
Ja mei, warum sind Sie dann Archäologe geworden, Herr Dr. Dr. Axel von Berg? (Merke: Pompeji wurde allein durch den Vesuv zerstört.)
"Oh, ein Konkurrent - aber beim Motzen bin ich King, du kleines A...loch!"
Fast ein halbes Jahrhundert lang prägten die Gerste-Silos der Mälzerei Friedrich      
Weissheimer die Silhouette Andernachs. Die Einwohner hatten sich an die erdrückende
optische Dominanz des Industriebaus inmitten der Altstadt gewöhnt. Die größte Malz-
fabrik Deutschlands bot zwar nicht allzu viele Arbeitsplätze, war aber ein wichtiger
Steuerzahler. Wegen der räumlichen Enge beschloss die Firma schließlich aber, die
Produktion in den Koblenzer Hafen zu verlegen.

Abschied von einer bierseligen Ära

Doch dazu kam es nicht mehr - das Familienunternehmen musste 2006 Insolvenz        
anmelden. Damit verschwand auch die älteste Malzfabrik Andernachs von der Bildfläche.       
In der Blütezeit der Malzproduktion, im 19. Jahrhundert, waren in der Stadt einmal            
23 Betriebe tätig gewesen. Die vorletzte Mälzerei, Mengelbier an der Koblenzer Straße,
hatte 1998 die Segel gestrichen. Dieses Schicksal ereilte nun auch Weissheimer. Die Stadt
erwarb das Grundstück und ließ die eigentlich denkmalgeschützten Firmengebäude -   
mit Ausnahme der ehemaligen Verwaltung in der Schaarstraße, der Villa Regia - 2008
abreißen. Die Bewohner verfolgten den monatelangen Abbruch mit Erleichterung, aber
auch mit Wehmut - ein wichtiges Kapitel der Stadtgeschichte wurde zugeschlagen.

Hängepartie & "Bürger-Buddeln"

Was dann kam, kann mit "Gut Ding will Weile haben" umschrieben werden, was ja von
Verantwortungsgefühl und Weisheit zeugt - doch der Spruch hängt einem inzwischen  
zu den Ohren heraus, und er war auch anfangs keineswegs Maxime des Handelns. Denn
ursprünglich sollte es mit einer Bebauung der Brache ganz schnell gehen: Schon als die
archäologischen Ausgrabungen begannen, im Sommer 2008, fahndete die Stadt nach
einem Investor, stand auf der Wunschliste der Verwaltung ein Wellnesshotel ganz oben.
Dass damals das Grundstück nicht verkauft wurde, lag nur daran, dass kein geeigneter
Kandidat aufkreuzte. Über Jahre hinweg geschah nichts - bis auf die Aktivitäten der
Archäologen, die sich wie im Paradies fühlen mussten: Sie hatten endlich einmal endlos
Zeit zu buddeln und luden sogar interessierte Bürger ein, es ihnen gleichzutun...

Ja, macht nur einen Plan!

Schließlich schlug ein von der Stadt beauftragtes Koblenzer Architekturbüro eine Drei-
teilung des Geländes vor: Im Süden, entlang der Hochstraße, könnte eine Straßenrand-
bebauung mit Wohnhäusern entstehen, in der Mitte ein archäologischer Garten, der die
römischen und mittelalterlichen Ausgrabungsfunde zeigt, und im Norden, zum Rhein   
hin, ein Hotel - oder ebenfalls Wohnungen, falls das Hotel nicht zustandekommt. Das
Konzept fand die Zustimmung des Stadtrats und floss in den geänderten Bebauungssplan
für dieses städtebaulich so exponierte Gebiet ein.
© 2009-2021 Wolfgang Broemser
Das kann nur einer sagen.