Bohnenstangen statt Neubebauung:
Jahrelang scheiterten Versuche der Stadt,   
den nördlichen Teil des Weissheimer-Areals   
an der Rheinpromenade zu verkaufen. Erst  
ein Investorenwettbewerb, aus dem die Anne-
Ehl-Stiftung aus Urbar als Sieger hervorging,
brachte die Wende. Das von der Stiftung
vorgeschlagene Konzept eines gemischten
Quartiers überzeugte Verwaltung und Stadtrat
gleichermaßen. Im Juni 2017 wurden ein Kauf-
und ein städtebaulicher Vertrag abgeschlossen,    
in dem sich der Investor dazu verpflichtet, das
Projekt bis spätestens 2021 fertigzustellen.
Ein Gigant fällt: Abriss der letzten Malzfabrik

"Without beer no plaisir, hiks!"
Der Krawattenmann - auch der "Weissheimer-Fluch" genannt
Nach den Vorstellungen der Koblenzer Architekten führt vom Merowingerplatz (re.) eine
Freitreppe hinunter in den mehrere Meter unter dem Niveau der Hochstraße gelegenen
archäologischen Garten, den "Römerpark". Der wird außerdem über die Kirchstraße (links)
erschlossen. Die Römertherme soll, um vor der Witterung geschützt zu sein, komplett
eingehaust werden (im Park rechts oben), ein Café mit Sonnenterrasse für Aufenthaltsqualität
sorgen. Eine offene Stelle in der spätrömischen Kastellmauer (Mitte) verbindet mit dem Hotel
(oben), das das Café betreiben könnte. Ein Museum soll die Kleinfunde zeigen; es könnte
entweder direkt im Park oder an der Ecke der geplanten neuen Häuserzeile am Merowinger-
platz entstehen.
© Naujack, Rind, Hof
© 2009-2019 Wolfgang Broemser
"Och, Mensch - ich wollte doch eine Tagung internationaler Emoji-Kodierer organisieren..."
Stiftung bringt das Happy End

Die Grundstücke an der Hochstraße verkaufte die Stadt bereits 2015 an den Andernacher
Bauverein. Die traditionsreiche Genossenschaft errichtet hier für ihre Mitglieder zwanzig
barrierefreie Wohnungen, vier Maisonettewohnungen und eine Tiefgarage (s. Zeichnung
oben). Planer ist das Architekturbüro Gesell, das schon das Mehrgenerationenhaus des
Bauvereins in der Karolingerstraße entwarf.

Schwieriger verlief die Vermarktung des Grundstücks an der Konrad-Adenauer-Allee, im
Norden des ehemaligen Weissheimer-Geländes. Zuletzt war ein einheimischer Projekt-
entwickler mit dem Versuch gescheitert, dort ein Wellness- und Tagungshotel im Vier-
Sterne-Rang mit 100 Zimmern zu bauen. Für das ehrgeizige Projekt fand sich offenbar kein    
Geldgeber. Das nötige Kleingeld hatte erst die Stiftung eines ehemaligen Baustoffunter-
nehmers parat, den ein sehr persönliches Schicksal mit der Bäckerjungenstadt verbindet.  
Er errichtet jetzt das Quartier "Am Römerpark", das Mietwohnungen für Jung und Alt
sowie ein kleineres Hotel mit Tagungsräumen und Rooftop-Gastronomie umfasst, und
drückt dabei mächtig aufs Tempo - vielleicht, weil er schon fast 80 Jahre alt ist. Späte
Karrieren - in dem Fall als Bauherr - sind die schönsten Karrieren.
© Gesell, Kriesten + Partner
Verflixt und zugebaut: Je mehr die Reihenhäuser des Bauvereins an der Hochstraße in die  
Höhe wachsen, desto stärker hat man das Gefühl, dass sich hier eine städtebaulich suboptimale
Lösung anbahnt. Die Dreiteilung des Areals, die das Architektenbüro der Stadt vorschlug, erweist
sich als problematisch. Der freie Blick vom Rhein her auf Andernachs Altstadt, auf das Kolping-
haus und den Merowingerhof, ist passé. Der Neubauriegel entfaltet, weil er bedeutend höher liegt
als der archäologische Garten, eine unangenehme optische Dominanz. Aufgrund seiner Tiefe
staucht er die Ausdehnung der Grünfläche zusammen. Die Einfahrt zur Tiefgarage mit ihrer
voluminösen Betoneinfassung ragt viel zu weit ins Gelände hinein. Und der Anblick der Rückfront
des Riegels mit seinen Terrassen, Balkonen und liegenden Fenstern ist alles andere als prickelnd.

Im Rückblick erstaunt es, dass der Stadtrat so wenig diskussionsfreudig war, als Tom
Naujack seinen "Masterplan" für die Gestaltung des Weissheimer-Geländes vorstellte. Denn
alternativ wären neue Wohnhäuser auch im westlichen Teil der Hochstraße, gegenüber der Roten
Schule, möglich gewesen, Stadthäuser etwa, wie sie schon vor 30 Jahren in der Oberen Wallstraße
entstanden. Im denkmalgeschützten Gebäude Nr. 11, dem ehemaligen Bürgermeisterhaus, das
seit Jahren leer steht, könnte die Stadt Sozialwohnungen bauen - und ein neues Stadtmuseum 
auf dem ehemaligen Parkplatz am Runden Turm.

Bei einer Freihaltung der Hochstraße zwischen Kirchstraße und Merowingerplatz hätte   
sich der historische Garten* bis zur Hochstraße ausdehnen können. So wäre der Blick auf das
Kolpinghaus, sprich: die Andernacher Altstadt, erhalten geblieben und der Garten nicht in eine
Sandwich-Position, zwischen die Neubauten an der Hochstraße und der Konrad-Adenauer-Allee,
gezwängt worden. Entlang der Mauer an der Hochstraße hätte man ein Stück "Essbare Stadt" -
Obst, Gemüse, Spaliergehölze - anpflanzen können. Oder ein Privatinvestor hätte hier ein Café
oder Restaurant gebaut, nicht höher als die Mauer, aber diese verdeckend. Jedenfalls wird die
Prosa des Neubauriegels die Poesie des Gartens empfindlich stören, mag der Beton der Tiefgarage
noch so routiniert - mit dem Patentmittel Grauwacke - verkleidet sein.
*) Auch bei dieser Freifläche wird die Verwaltung einem zweifelhaften Expertenrat folgen. Und zwar   
sollen dieselben Archäologen, die jahrelang das Gelände umgepflügt und tiefe Einblicke in die
Andernacher Geschichte freigelegt haben, davon abgeraten haben, der Öffentlichkeit die römische
Thermenanlage zu präsentieren. Ihr Argument: Römische Bäder gebe es schon in vielen Städten und  
die Folgekosten seien zu hoch. Also wird die Stadt die Reste der Therme und eines Getreidespeichers
wieder zuschütten und ihre Existenz lediglich durch passende Pflanzen andeuten (Lavendel soll die
Badeanlage symbolisieren). Ein Schildbürgerstreich - eine der ältesten deutschen Städte versteckt ihre
römischen Relikte! Dem Autor ist im nördlichen Rheinland-Pfalz allein das Bad der Römervilla von Bad
Neuenahr-Ahrweiler bekannt. Und im Gegensatz zur XXL-Einhausung der Villa am Silberberg könnten
die Funde in Andernach auch bescheidener konserviert werden, ohne dass ihr Schutz darunter leiden
müsste. Zuschütten sei die beste Konservierung, meinen Schlaumeier. Doch ein historischer Garten
ohne sichtbare Historie ist nur eine nichtssagende Grünfläche, ein Ort, an dem sich Touristen und
Einheimische verschaukelt fühlen. Wie viel ist Andernach seine römische Vergangenheit wert?
 
Fast ein halbes Jahrhundert lang prägten die Gerste-Silos der Mälzerei Friedrich Weiss-
heimer die Silhouette Andernachs. Die Einwohner hatten sich an die erdrückende optische
Dominanz des Industriebaus inmitten der Altstadt gewöhnt. Die größte Malzfabrik Deutsch-
lands bot zwar nicht allzu viele Arbeitsplätze, war aber ein wichtiger Steuerzahler. Wegen
der räumlichen Enge beschloss die Firma schließlich aber, die Produktion in den Koblenzer
Hafen zu verlegen.

Abschied von einer bierseligen Ära

Doch dazu kam es nicht mehr - das Familienunternehmen musste 2006 Insolvenz an-
melden. Damit verschwand auch die älteste Malzfabrik Andernachs von der Bildfläche.       
In der Blütezeit der Malzproduktion, im 19. Jahrhundert, waren in der Stadt einmal            
23 Betriebe tätig gewesen. Die vorletzte Mälzerei, Mengelbier an der Koblenzer Straße,
hatte 1998 die Segel gestrichen. Dieses Schicksal ereilte nun auch Weissheimer. Die Stadt
erwarb das Grundstück und ließ die eigentlich denkmalgeschützten Firmengebäude - mit
Ausnahme der ehemaligen Verwaltung in der Schaarstraße, der Villa Regia - 2008 abreißen.     
Die Bewohner verfolgten den monatelangen Abbruch mit Erleichterung, aber auch mit
Wehmut - ein wichtiges Kapitel der Stadtgeschichte wurde zugeschlagen.

Hängepartie und Paradies für Wühlmäuse

Was dann kam, kann mit "Gut Ding will Weile haben" umschrieben werden, was ja von
Verantwortungsgefühl und Weisheit zeugt - doch der Spruch hängt einem inzwischen zu
den Ohren heraus, und er war auch anfangs keineswegs Maxime des Handelns. Denn
ursprünglich sollte es mit einer Bebauung der Brache ganz schnell gehen: Schon als die
archäologischen Ausgrabungen begannen, im Sommer 2008, fahndete die Stadt nach einem
Investor, stand auf der Wunschliste der Verwaltung ein Wellnesshotel ganz oben. Dass
damals das Grundstück nicht verkauft wurde, lag nur daran, dass kein geeigneter Kandidat
aufkreuzte. Über Jahre hinweg geschah nichts - bis auf die Aktivitäten der Archäologen,  
die sich wie im Paradies fühlen mussten: Sie hatten endlich einmal endlos Zeit zu buddeln...

Ja, macht nur einen Plan!

Schließlich schlug ein von der Stadt beauftragtes Koblenzer Architekturbüro eine Drei-
teilung des Geländes vor: Im Süden, entlang der Hochstraße, könnte eine Straßenrand-
bebauung mit Wohnhäusern entstehen, in der Mitte ein archäologischer Garten, der die
römischen und mittelalterlichen Ausgrabungsfunde zeigt, und im Norden, zum Rhein hin,
ein Hotel - oder ebenfalls Wohnungen, falls das Hotel nicht zustandekommt. Das Konzept
fand die Zustimmung des Stadtrats und floss in den geänderten Bebauungssplan für dieses
städtebaulich so exponierte Gebiet ein.
Beton verdrängt Archäologie, Tiefgarage zermalmt Historie - mit den Bausünden der Vergangenheit (den Weissheimer-Silos) kann die Gegenwart durchaus mithalten.
Wo der Lavendel blüht, gingen einst die Römer baden - und heute Andernachs Versuche, noch schöner zu werden?
"Oh, ein Konkurrent - aber ich motze immer noch am besten!"