© 2009-2019 Wolfgang Broemser
Fotos: Yale, Gardner Museum
Leuchtturm malt Leuchtturm
Ob an jenem Augusttag 1817, als William Turner Andernach besuchte, ein Gewitter auf-
zog, ist nicht bekannt. Der englische Landschaftsmaler ließ es jedenfalls gern gewittern auf
seinen Bildern. Die Natur und das Wetter, das die Landschaft unterschiedlich belichtet,
faszinierten ihn. Das Aquarell The Roman Tower at Andernach - "eine der schönsten
Rheinansichten des großen englischen Romantikers" (Hans Belting) - ist dafür typisch:  
Ein aufgewühlter Himmel sorgt für dramatische Spannung, ebenso der windschiefe Runde
Turm und der schroff abfallende Krahnenberg. Im Kontrast dazu sitzen Zimmerleute am
Ufer entspannt um ein Feuer. Gegensätzlich auch die dunklen Farben der Pappeln und der
Stadtmauer und das helle Gelb des im Bau befindlichen Schiffes, des Turmes und der
Abendsonne. Selbst nicht sichtbar, schickt sie ihre Strahlen über und durch die damals
noch stehende Stadtmauer. Andernach - eine Stadt wie (von Turner) gemalt!
Spurtstarker Romantiker ohne Farben

Das Licht und die Farben waren für diesen Maler wichtig, nicht die naturgetreue Wieder-
gabe der Realität. Das zeigt sich auch in seinen genialen Rheinbildern aus dem Jahr 1817,
insgesamt 51 Werken, die der Künstler im Anschluss an seine erste Rheinreise schuf.   
The Roman Tower ist eines von ihnen. Das Original hängt heute im Isabella Stewart
Gardner Museum in Boston, eine grünstichige Reproduktion im Runden Turm selbst.   
Seit einer Ausstellung 1889 in London trägt das Blatt den irrigen Titel, obwohl das
Bauwerk aus dem späten Mittelalter stammt.

Nach dem Ende von Napoleons Kontinentalsperre konnten Engländer wieder das Fest-
land besuchen. Das nutzte auch der in seiner Heimat schon berühmte Turner, um sich
erstmals in Deutschland umzusehen. Erstaunlich, mit welchem Tempo der 42-Jährige zu
Fuß in wenigen Tagen von Köln nach Mainz wanderte - oder soll man sagen: spurtete?
Dabei schaffte er es noch, eine Vielzahl von Bleistiftskizzen anzufertigen. Übrigens konnte
er nur den Bleistift einsetzen, denn in Köln hatte er seinen Farbkasten eingebüßt, "wahr-
scheinlich durch Diebstahl" (Belting).
In Andernach blieb er länger hängen

Bei seiner Wanderung rheinaufwärts entfernte sich der Maler nur "selten von der Ufer-
straße, interessierte sich kaum für innerstädtische Motive" (Karl Heinz Stader, William
Turner und der Rhein). Er beschränkte sich auf die populären Touristenmotive zu beiden
Seiten des Flusses. Für Andernach nimmt Turner sich offenbar etwas mehr Zeit (den
Kenner verwundert das nicht!): Er skizziert die Pfarrkirche, den Runden Turm, den
Rheinkran, das Zollhaus (Bollwerk) und die Ruine der erzbischöflichen Stadtburg. Von  
der Ruine fertigt er zu Hause ein Aquarell an, das zweite, das ein Andernacher Motiv
zeigt. Das Original dieses Werkes befindet sich im Yale-Zentrum für britische Kunst       
in New Haven/Connecticut.
Der Maler zeigt die Ruine der Stadtburg mit dem viereckigen Bergfried (Mitte) aus der Perspek- 
tive der Koblenzer Straße. Halb rechts davon das Koblenzer Tor, das auch heute noch steht, ganz
rechts hinten das Bollwerk, wo der Rheinzoll erhoben wurde. Wieder ist es - wie beim Roman
Tower - Spätnachmittag, werfen die Bäume auf der linken Seite, wie die Stadtmauer, lange Schatten.
Eine am Wegrand sitzende Person wirkt ähnlich statistenhaft wie die Zimmerleute auf dem anderen
Andernacher Aquarell. Gelb und Blau, die Lieblingsfarben des Malers, dominieren. Das Werk      
lässt "die ungewöhnlich differenziert gehandhabte Aquarelltechnik Turners erkennen" (Stader).
Auch Turners Bild Zinnoberrote Türme von 1834 ist aus Andernacher Sicht von Interesse: Liegt     
hier eine Reminiszenz an den Runden Turm vor oder handelt es sich um eine Überblendung
mehrerer Türme, an die der Künstler sich erinnerte? Je länger der Lokalpatriot das Aquarell betrach-
tet, desto sicherer ist er: Der gelbe Turm links kann nur der Andernacher "Butterfassturm" sein!
Der Pionier der Moderne trieb sich überall herum

Turner kehrte später noch mehrmals an den Rhein zurück, aber die künstlerische
Ausbeute war nie mehr so groß wie 1817.* Fast jährlich reiste er auf den Kontinent, vor
allem nach Italien und in die Scheiz. Der Engländer gilt heute als der größte Maler der
Romantik, der mit seinen künstlerischen Errungenschaften weit in die Moderne vorstieß,
ein Pionier wie seine Landsleute Charles Babbage (erster Computer) und Eadweard
Muybridge (erste Bewegtbilder). Wegen seiner Bevorzugung des Meteorologischen, des
Lichtes und der Farben, löste Turner die Formen auf, malte fast schon ungegenständlich.
Auf vielen Bildern des Spätwerks sind die Gegenstände oft nur schemenhaft zu erkennen.
Turner stellte die von der Natur ausgelösten Empfindungen dar; die äußere Landschaft
wurde zum Spiegelbild der inneren. Die französischen Impressionisten beeindruckte er
stark; noch Henri Matisse studierte auf seiner Hochzeitsreise in London die Werke des
Briten.
Als dieser Maler Andernach verließ, hatte Andernach sich nicht verändert, aber es        
war Teil eines Werkes geworden, das die Kunstgeschichte verändern sollte - ein klares
Alleinstellungsmerkmal der Stadt, wenn... ja, wenn da nicht die vielen anderen Städte
wären, die Turner ebenfalls besuchte (und malte). Der Mann war eben übertrieben  
mobil, versessen auf neue Reize, ein promisker Tourist, ein Flattergeist, kurz: als   
Mensch eher unsympathisch! ;-)
*) Zum 200. Jubiläum dieser Reise hat der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal ein   
außergewöhnliches Projekt, die "William Turner Route", ins Leben gerufen. Auf den Spuren des
Malers geht es hinaus aus den Museen zu 26 Stellen zwischen Koblenz und Bingen, an denen Turner
Skizzen für spätere Aquarelle anfertigte. Das Abbild der Kunst kann mit dem Vorbild der Natur
konfrontiert werden. Sowohl das Konzept - betretbare Infotafeln, interaktives Storytelling - als    
auch der Online-Auftritt des Projektes sind so faszinierend und innovativ, als hätten sie sich von    
der Kunst des englischen Feuerkopfes inspirieren lassen.
"Ich hab' genauso viel auf dem Kasten wie ein Malkasten!"
Originalgenie und kluger
Geschäftsmann

Als "intelligenter Reisender" hielt
Turner fest, was seine Landsleute
sehen, fühlen, an was sie sich 
erinnern wollten: "Weit davon  
entfernt, sich der Bezeichnung
'Tourist' zu entziehen, strebte er  
eher danach, der ideale Tourist zu
werden" (Andrew Wilton). Ideale
Touristen waren auch die wenige
Jahre nach Turners Tod (1851) an
den Rhein kommenden englischen
Fotografen. Sie beerbten den Maler in
puncto Motivwahl und kommerzielles
Interesse. Doch im Gegensatz zu
ihnen hatte der Ausnahmekünstler
Turner auch Werke geschaffen, die
nicht dem Willen des Marktes,
sondern allein seinem Kunstwillen
entsprachen.
Zwei Große, die sich
nie begegnet sind

1840 besuchte Victor Hugo das
Rheinland und Andernach. Zur selben
Zeit reiste auch Turner durch
Deutschland, allerdings durch den
Süden des Landes. Dort beeindruckte
ihn die im Bau befindliche Walhalla.
Er widmete ihr ein Aquarell und ein
Ölgemälde, das er 1845 in der Royal
Academy in London ausstellte.
"Ist das Kunst, oder kann das weg?"
© www.turner-route.de

"Kunst ist alles, was Weich-eiern gefällt, die sich für die Elite halten."