Der Maler zeigt die Ruine der Stadtburg mit dem viereckigen Bergfried (Mitte) aus der Perspektive der Koblenzer
Straße. Halb rechts davon das Koblenzer Tor, das auch heute noch steht, ganz rechts hinten das Bollwerk, wo der
Rheinzoll erhoben wurde. Wieder ist es - wie beim "Roman Tower" - Spätnachmittag, werfen die Bäume auf der 
linken Seite, wie die Stadtmauer, lange Schatten. Eine am Wegrand sitzende Person wirkt ähnlich statistenhaft  
wie die Zimmerleute auf dem anderen Andernacher Aquarell. Gelb und Blau, die Lieblingsfarben des Malers,
dominieren. Das Werk lässt "die ungewöhnlich differenziert gehandhabte Aquarelltechnik Turners erkennen"
(Stader).
Auch Turners Bild "Zinnoberrote Türme" von 1834 ist aus Andernacher Sicht von Interesse: Liegt hier eine Re-
miniszenz an den Runden Turm vor oder handelt es sich um eine Überblendung mehrerer Türme, an die der
Künstler sich erinnerte? Je länger der Lokalpatriot das Aquarell betrachtet, desto sicherer ist er: Der gelbe Turm
links kann nur der Andernacher "Butterfassturm" sein!
Der Pionier der Moderne trieb sich überall herum

Turner kehrte später noch mehrmals an den Rhein zurück, aber die künstlerische Ausbeute
war nie mehr so groß wie 1817.* Fast jährlich reiste er auf den Kontinent, vor allem nach
Italien und in die Scheiz. Der Engländer gilt heute als der größte Maler der Romantik, der  
mit seinen künstlerischen Errungenschaften weit in die Moderne vorstieß, ein Pionier wie
seine Landsleute Charles Babbage (erster Computer) und Eadweard Muybridge (erste
Bewegtbilder). Wegen seiner Bevorzugung des Meteorologischen, des Lichtes und der
Farben, löste Turner die Formen auf, malte fast schon ungegenständlich. Auf vielen Bildern
des Spätwerks sind die Gegenstände oft nur schemenhaft zu erkennen. Turner stellte die  
von der Natur ausgelösten Empfindungen dar; die äußere Landschaft wurde zum Spiegelbild
der inneren. Die französischen Impressionisten beeindruckte er stark; noch Henri Matisse
studierte auf seiner Hochzeitsreise in London die Werke des Briten.
Als dieser Maler Andernach verließ, hatte Andernach sich nicht verändert, aber es war Teil
eines Werkes geworden, das die Kunstgeschichte verändern sollte - ein klares Allein-
stellungsmerkmal der Stadt, wenn... ja, wenn da nicht die vielen anderen Städte wären, die
Turner ebenfalls besuchte (und malte). Der Mann war eben übertrieben mobil, versessen auf
neue Reize, ein promisker Tourist, ein Flattergeist, kurz: als Mensch eher unsympathisch! ;-)
*) Zum 200. Jubiläum dieser Reise hat der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal ein außergewöhn-
liches Projekt, die "William Turner Route", ins Leben gerufen. Auf den Spuren des Malers geht es hinaus aus
den Museen zu 26 Stellen zwischen Koblenz und Bingen, an denen Turner Skizzen für spätere Aquarelle
anfertigte. Das Abbild der Kunst kann mit dem Vorbild der Natur konfrontiert werden. Sowohl das Konzept -
betretbare Infotafeln, interaktives Storytelling - als auch der Online-Auftritt des Projektes sind so faszinierend
und innovativ, als hätten sie sich von der Kunst des englischen Feuerkopfes inspirieren lassen.
Als "intelligenter Reisender" hielt
Turner fest, was seine Landsleute
sehen, fühlen, an was sie sich 
erinnern wollten: "Weit davon  
entfernt, sich der Bezeichnung
'Tourist' zu entziehen, strebte er  
eher danach, der ideale Tourist zu
werden" (Andrew Wilton). Ideale
Touristen waren auch die wenige
Jahre nach Turners Tod (1851) an
den Rhein kommenden englischen
Fotografen. Sie beerbten den Maler in
puncto Motivwahl und kommerzielles
Interesse. Doch im Gegensatz zu
ihnen hatte der Ausnahmekünstler
Turner auch Werke geschaffen, die
nicht dem Willen des Marktes,
sondern allein seinem Kunstwillen
entsprachen.
Zwei Große, die sich nie
begegnet sind
"Ist das Kunst, oder kann das weg, Motzer?"
© www.turner-route.de
"Kunst ist etwas für Weicheier,
die sich für die Elite halten. Das
muss weg, Glotzer!"
1840 besuchte Victor Hugo das
Rheinland und Andernach. Zur
selben Zeit reiste auch Turner durch
Deutschland, allerdings durch den
Süden des Landes. Dort beeindruckte
ihn die im Bau befindliche Walhalla.   
Er widmete ihr ein Aquarell und ein
Ölgemälde, das er 1845 in der Royal
Academy in London ausstellte.
Originalgenie und kluger
Geschäftsmann
© 2009-2022 Wolfgang Broemser
In Andernach blieb er länger hängen

Bei seiner Wanderung rheinaufwärts entfernte sich der Maler nur "selten von der Ufer-
straße, interessierte sich kaum für innerstädtische Motive" (Karl Heinz Stader, William Turner
und der Rhein). Er beschränkte sich auf die populären Touristenmotive zu beiden Seiten des
Flusses. Für Andernach nimmt sich Turner offenbar etwas mehr Zeit (den Kenner ver-
wundert das nicht): Er skizziert die Pfarrkirche, den Runden Turm, den Rheinkran, das
Zollhaus (Bollwerk) und die Ruine der erzbischöflichen Stadtburg. Von der Ruine fertigt      
er  zu Hause ein Aquarell an, das zweite, das ein Andernacher Motiv zeigt (s. Bild unten). 
Das Original dieses Werkes befindet sich im Yale-Zentrum für britische Kunst in New
Haven/Connecticut.
"Ich hab' genauso viel auf dem
Kasten wie ein Malkasten!"
Spurtstarker Romantiker ohne Farben

Das Licht und die Farben waren für diesen Maler wichtig, nicht die naturgetreue Wieder-
gabe der Realität. Das zeigt sich auch in seinen genialen Rheinbildern aus dem Jahr 1817,
insgesamt 51 Werken, die der Künstler im Anschluss an seine erste Rheinreise schuf.        
The Roman Tower ist eines von ihnen. Das Original hängt heute im Isabella Stewart Gardner
Museum in Boston, eine grünstichige Reproduktion im Runden Turm selbst. Seit einer Aus-
stellung 1889 in London trägt das Blatt den irrigen Titel, obwohl das Bauwerk aus dem späten
Mittelalter stammt.

Nach dem Ende von Napoleons Kontinentalsperre konnten Engländer wieder das Festland
besuchen. Das nutzte auch der in seiner Heimat schon berühmte Turner, um sich erstmals in
Deutschland umzusehen. Erstaunlich, mit welchem Tempo der 42-Jährige zu Fuß in wenigen
Tagen von Köln nach Mainz wanderte - oder soll man sagen: spurtete? Dabei schaffte er es
noch, eine Vielzahl von Bleistiftskizzen anzufertigen. Übrigens konnte er nur den Bleistift
einsetzen, denn in Köln hatte er seinen Farbkasten eingebüßt, "wahrscheinlich durch
Diebstahl" (Belting).
Ob an jenem Augusttag 1817, als William Turner Andernach besuchte, ein Gewitter aufzog,
ist nicht bekannt. Der englische Landschaftsmaler ließ es jedenfalls gern gewittern auf seinen
Bildern. Die Natur und das Wetter, das die Landschaft unterschiedlich belichtet, faszinierten
ihn. Das Aquarell The Roman Tower at Andernach - "eine der schönsten Rheinansichten des
großen englischen Romantikers" (Hans Belting) - ist dafür typisch: Ein aufgewühlter Himmel
sorgt für Spannung, ebenso der schiefe Runde Turm und der schroff abfallende Krahnenberg.
Im Kontrast dazu sitzen Zimmerleute am Ufer entspannt um ein Feuer. Gegensätzlich auch
die dunklen Farben der Pappeln und der Stadtmauer und das helle Gelb des im Bau befind-
lichen Schiffes, des Turmes und der Abendsonne. Selbst nicht sichtbar, schickt sie ihre
Strahlen über und durch den damals noch stehenden rheinseitigen Teil der Stadtmauer, der
aber nicht so dicht am Ufer verlief, wie das  Bild suggeriert. Andernach - eine Stadt wie  
(von Turner) gemalt!
Leuchtturm malt Leuchtturm