"Die hochgradig integrierte alte Stadt
hat sich funktionell entmischt. Die
Unwirtlichkeit, die sich über diesen
neuen Stadtregionen ausbreitet, ist
niederdrückend. Die Frage lautet: muß
das so sein, ist das unausweichlich?"
Alexander Mitscherlich, 1965
 
"In der Altstadt sieht's ja aus wie früher beim Honecker - lauter Schrott-Immobilien!"
"Da haste mal recht, du glotzender Volltrottel!"
O wie verführerisch oder: Die Musik spielt wieder in der Mitte (Teil 2)
Sanierungs(un-)fälle im Steinweg: So geht's (rechts) und so eher nicht (links). Am linken Haus stört nicht nur die unpassende Farbe, sondern auch das unpassende Trompe-l´oeil (von den Mülltonnen ganz zu schweigen).
"An der falschen Tür hab ich mir 'ne Beule geholt...!"
Motzki, völlig neu geföhnt
"Reden im Konjunktiv macht hässlich, Freunde!" Homunculi
© 2009-2019 Wolfgang Broemser
"Mua muahaha XXL hahamuaa!"
Emoji-Sprache für: "Du verbeulter XXL-Trottel!"
Ohne Eigenkapital keine Hilfe

Natürlich sind staatliche Sanierungsprogramme nur ein Tropfen auf den heißen Stein.     
Auch fördern sie bei Hausbesitzern nicht unbedingt das Gespür für Baukultur. Doch das
Hauptproblem sind die Sanierungen, die unterbleiben, weil die Eigentümer sie sich nicht
leisten können. Ohne eigenes Geld keine Zuschüsse - daher tut sich in der westlichen
(wie zuvor in der östlichen) Altstadt leider viel zu wenig.
Das Nikoläuschen vor seinem
maroden Häuschen - die Stadt
hat den Heiligen inzwischen ins
Museum gebracht, wo die Statue
restauriert wird.
*) Findet sich doch mal ein Käufer, erweist er sich prompt als unseriös: So geschehen bei einem
Immobilien-Unternehmen aus Herne, das das Nikolaushaus an der Ecke Rheinstraße/Mauerstraße
erworben hatte und im Kern sanieren wollte. Für den geplanten Umbau (unten Gastronomie, oben
Wohnungen) erteilte die Stadt eine Baugenehmigung. Inzwischen hat die Firma das Haus, höchst-
wahrscheinlich mit Gewinn, weiterveräußert, was den Verdacht nahelegt, dass Andernach auf
Spekulanten hereingefallen ist. Auch der unbekannte neue Eigentümer zeigt bisher keinerlei
Bereitschaft, aktiv zu werden. Die Stadt kann nur im Rahmen ihrer Verkehrssicherungspflicht  
dafür sorgen, dass von dem maroden Kasten keine Gefahr für die Passanten ausgeht.
In Andernach steht derzeit, wie in vielen Städten, die Innenentwicklung auf der Agenda,
die Nachverdichtung des Zentrums mit neugebauten Wohnungen (Einfamilienhäuser in
der Oberen Wallstraße waren frühe Pioniere). Häufig haben sich die Innenstädte im Zug
der Funktionsentmischung zu reinen Büro- und Einzelhandelszonen gewandelt, auch weil
in ihnen Wohnungen gemäß Baunutzungsverordnung nur ausnahmsweise zulässig sind.
Oder es leben in nicht überplanten Altstädten mit maroder Bausubstanz nur sozial
schwache Bürger. Neue Wohnhäuser im Stadtzentrum sollen dieses auch für Besser-
verdienende wieder attraktiv machen, auf die Sub- soll die Reurbanisierung folgen

Stoppen neue Bewohner das Ladensterben?

Die Andernacher Verwaltung hat in den letzten Jahren vermehrt Baugenehmigungen für
Mehrfamilienhäuser in der Innenstadt erteilt. Sie verfolgt damit dasselbe Ziel wie mit der
neuen Stadthausgalerie: die Revitalisierung des Stadtkerns, in den Kunden und Bewohner
zurückgelockt werden sollen. Die neuen Bewohner könnten helfen, den Niedergang des
stationären Handels in Zeiten von Amazon & Co. aufzuhalten. Allerdings ist ihre Zahl     
so gering, dass der Leerstand von Läden durch sie nicht zurückgegangen ist.
Platz schreit nach Neugestaltung

Neue Wohnungen sind auf dem Areal der abgerissenen Malzfabrik Weissheimer möglich,
aber wegen der dort ausgegrabenen archäologischen Funde nur entlang der Hochstraße,
vis-à-vis dem Kolpinghaus. Als zusätzliche Fläche käme der Parkplatz am Runden Turm in
Frage. Laut Andernachs Oberbürgermeister "schreit" dieser Ort geradezu nach einer
neuen Gestaltung. Die Stadt will den Parkplatz dort abschaffen und stattdessen auf dem
ehemaligen Gelände der Familie Schumacher ein Parkdeck errichten. Damit wäre der
Weg frei für eine Bebauung mit Wohnhäusern. Doch Neubauten am Runden Turm sind
"ein kritischer Punkt" (FWG-Sprecher Hans Schwarz-Heintges).

Bisher hat der Stadtrat über zwei Varianten für eine Bebauung an diesem Ort debattiert.
Die erste schlägt den Bau von Stadthäusern in L-Form parallel zur Hoch- und Kölner
Straße vor. Das denkmalgeschützte Haus Hochstraße Nr. 11, das ehemalige Bürger-
meisterhaus, würde abgerissen. Die andere Variante sieht Häuser entlang der Stadtmauer,
die parallel zur Kölner Straße verläuft, vor. Entlang der Hochstraße würde nur bis zum
Haus Nr. 11 gebaut; dieses bliebe erhalten. Zusätzlich könnten zwei Hauseinheiten an 
der Stadtmauer parallel zur Konrad-Adenauer-Allee entstehen.
Neues Stadtmuseum am Runden Turm?

Inzwischen verfolgt die Stadtverwaltung ein anderes Programm: An der Stelle des
Parkplatzes plant sie eine Freilichtbühne, Grünanlagen und den Neubau des Stadt-
museums, dessen jetziges Domizil aus allen Nähten platzt und nicht barrierefrei ist.       
In das Bürgermeisterhaus sollen nach seiner Sanierung das Kulturamt und die
Wirtschaftsförderungsgesellschaft einziehen; ein moderner Anbau soll die Kunden
empfangen. Zwecks Überplanung des gesamten Areals wird ein städtebaulicher
Wettbewerb erwogen. Bei alldem ist zu bedenken, dass die Stadt Schulden hat, trotz
bedeutender Industrieunternehmen finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen kann -    
und auch nicht besonders üppig mit Landeszuschüssen bedacht wird, nur weil der      
Chef der Staatskanzlei derzeit ein Andernacher ist.
Sanierungsstau in der Altstadt

Für die Zukunft der Stadt ebenso dringlich ist das Bauen im Bestand. Viele Häuser der
Altstadt befinden sich in einem desolaten Zustand, auch im östlichen Teil, der bereits   
Teil eines - inzwischen beendeten - öffentlich geförderten Sanierungsprogrammes war.
Das schlechte Erscheinungsbild dieser Häuser wiegt um so schwerer, als die Rheingassen
seit der Eröffnung des neuen Geysir-Zentrums noch wichtigere Tore zur Altstadt bilden.
Vorerst aber können im Osten keine privaten Projekte mehr gefördert werden. Anders 
im westlichen Teil der Altstadt (Kirchstraße, Steinweg): Hier hilft seit einigen Jahren das
Bund-Länder-Programm "Historische Stadtbereiche" Hausbesitzern mit denkmalwerter
Bausubstanz bei der Sanierung ihrer Häuser. Auch die Stadt nutzt Mittel aus diesem Topf,
um etwa das Umfeld des Mariendoms aufzuwerten und die Parkplätze von Andernachs
bedeutendster Kirche zu verbannen, oder um an der Kölner Straße das neue Parkdeck   
zu errichten, sodass die Parkplätze am Runden Turm wegfallen können.
Lost Places beim Geysir-Zentrum

Ein richtiger Skandal aber und eine Verschandelung des Stadtbilds sind die seit Jahren 
leer stehenden und dem Verfall preisgegebenen Häuser. Warum die Eigentümer nichts
dagegen tun, oder warum sie nicht verkaufen, ist unklar. Es mag an überzogenen Preis-
vorstellungen oder fehlendem Engagement liegen. Es mag aber auch daran liegen, dass  
sich für die Problem-Immobilien in den Gassen der Altstadt keine Käufer finden, die      
zu umfassenden Sanierungen bereit wären.* Die One-Million-Dollar-Frage lautet:         
Wie können Bestandsbauten etwa in der Rheinstraße - hier stehen zur Zeit mehr als  
die Hälfte der Häuser leer - optimal genutzt werden? Im Erdgeschoss bieten sich Läden  
oder Gastronomie an, aber was soll in die Obergeschosse kommen? Büros und frei
finanzierte Wohnungen sind problematisch wegen des schlechten Rufs der Rheinstraße -
Andernachs "Drosselgasse" mit Spielhallen und Kneipen - und wegen des nicht
vorhandenen Parkraums. Denkbar wäre in der Rheinstraße ein Hotel; dieses ist nicht   
auf eigene Parkplätze angewiesen, und Andernach könnte eine zusätzliche Herberge
gebrauchen - laut städtischer Wirtschaftsförderung sind die Übernachtungszahlen in 
den letzten fünf Jahren stetig gestiegen, bei Geschäftsreisenden wie bei Touristen. Doch
muss erst einmal ein Investor von den Vorzügen des Standorts überzeugt werden -   
eine Mühe, die Eigentümer scheuen, die sich für ihr Haus und das positive Erscheinungs-
bild ihrer Stadt offenbar einen Dreck interessieren.
In dem Neubau des Museums möchte Andernach seine Stadtgeschichte in moderner Form
präsentieren, sodass das Museum auch überregional beachtet wird. Dafür müssten aber auch die
Architektur und die Lage des Gebäudes überzeugend sein. Das Museum müsste den Blick auf den
Solitärbau des Runden Turms freihalten, nicht auf dem Platz vor dem Turm, sondern am Rand
des Platzes realisiert werden, am besten in der nordöstlichen Ecke. Diese ließe sich nach Osten
ausdehnen, indem man den niedriger gelegenen Parkplatz hinter der Roten Schule, der wegfallen
wird, aufschüttet und so eine, aus Sicht der Kirchstraße, erhöhte Position für das Museum schafft.
Dadurch würde dieses einerseits exponiert, sich andererseits aber dem Runden Turm und der
Stadtmauer unterordnen - es wäre, weil nach Osten verschoben, von der Hochstraße aus so  
gut wie nicht sichtbar. Ein Vorbild für das neue Gebäude könnte, abgesehen von der Größe und 
dem Investitionsvolumen, das geplante Besucher- und Informationszentrum des Bundestages in
Berlin sein, das mit seiner schlichten Form und seitlichen Platzierung den Solitärcharakter des
Reichstages achtet. Auch der klar definierte Eingangsbereich des Zentrums ist vorbildlich -
entsprechend ließe sich der in Richtung Runder Turm zeigende Vorplatz des Andernacher
Museums etwa mit Pflasterklinker oder polygonalen Schieferplatten akzentuieren. Der Turm      
ist der Star, nicht das Museum; dieses liefert nur die geschichtlichen Informationen.
Nicht auf dem Boden des Grundgesetzes

Leerstand verstößt gegen das Grundgesetz - Sozialverpflichtung des Eigentums - und
gegen das Zweckentfremdungsverbot. Länder wie Berlin oder Hamburg haben Gesetze
erlassen, die Strafzahlungen vorsehen oder gar eine treuhänderische Sanierung der
beschlagnahmten Immobilie. Auch der rheinland-pfälzische Landtag berät zurzeit ein
solches Gesetz, das allerdings nur in Städten mit angespanntem Wohnungsmarkt wie
Mainz oder Trier anwendbar sein soll. Die Geisterhäuser in Andernachs Rheinstraße
könnten also auch weiterhin nicht "exorziert" werden...
"Die bisherige Einordnung in reine
Wohngebiete oder Mischgebiete mit
eingeschränkter Verwendung der
Nutzungsarten ist nicht mehr zeit-
gemäß. Deutschlands Städte müssen
die Möglichkeit haben, bezahlbares
Wohnen, Arbeiten und Einkaufen in
einem Quartier anzubieten."
Andreas Mattner, Präsident des
Zentralen Immobilienausschusses
(ZIA), 2015