Großer Sanierungsstau in der Altstadt

Genauso wichtig für das Zentrum ist aber das Bauen im Bestand. Viele Häuser der
Altstadt befinden sich in einem desolaten Zustand, auch im östlichen Teil, der bereits
Teil eines - inzwischen beendeten - öffentlich geförderten Sanierungsprogrammes war.  
Das schlechte Erscheinungsbild vieler Häuser wiegt um so schwerer, als die Rheingassen
wegen des neuen Geysir-Zentrums jetzt noch wichtigere Tore zur Altstadt sind. Vorerst
können im Osten aber keine privaten Projekte mehr gefördert werden. Anders sieht es
im westlichen Teil der Altstadt (Kirchstraße, Steinweg) aus: Hier hilft seit einigen Jahren
das Bund-Länder-Programm "Historische Stadtbereiche" Hausbesitzern mit denkmal-
werter Bausubstanz bei der Sanierung ihrer Häuser. Auch die Stadt nutzt Mittel aus
diesem Topf, um etwa das Umfeld des Mariendoms neu zu gestalten und die Parkplätze
von Andernachs bedeutendster Kirche zu verbannen, oder um demnächst an der Kölner
Straße ein neues Parkdeck zu bauen.
"Die hochgradig integrierte alte Stadt hat sich funktionell entmischt. Die Unwirtlichkeit, die sich über diesen neuen Stadtregionen ausbreitet, ist niederdrückend. Die Frage lautet: muß das so sein, ist das unausweichlich?"
                Alexander Mitscherlich, 1965
 
"In dieser Altstadt sieht´s ja aus wie früher in der DDR - lauter Schrott-Immobilien!"
"Da haste mal recht, du glotzender Volltrottel!"
O wie verführerisch oder: Die Musik spielt wieder in der Mitte (Teil 2)
Sanierungs(un-)fälle im Steinweg: So geht´s (rechts) und so eher nicht (links). Am linken Haus stört nicht nur die unpassende Farbe, sondern auch das unpassende Trompe-l´oeil (von den Mülltonnen zu schweigen).
"An der falschen Tür hab ich mir ´ne Beule geholt...!"
Motzki, völlig neu geföhnt

Der Ausdruck "Stadthaus" (Einfamilienhaus in der Stadt) ist noch nicht so alt und markiert
ein dringendes planerisches Bedürfnis: die Wiederansiedlung von Bewohnern im Zentrum
der Stadt. Viele Innenstädte ("Kerngebiete") haben sich im Zug der Funktionsentmischung
zu reinen Büro- und Einzelhandelszonen gewandelt, auch weil in ihnen Wohnungen laut
Baunutzungsverordnung nur ausnahmsweise zulässig sind. Oder es leben in nicht über-
planten Altstädten mit maroder Bausubstanz nur noch sozial schwache Bürger. Vermehrt
errichtete hochwertige Wohnhäuser im Zentrum sollen dieses auch für Besser-
verdienende wieder interessant machen, auf die Sub- soll die Reurbanisierung folgen.

Pioniere in der Oberen Wallstraße

Der inzwischen abgesprungene irische Investor wollte auf dem Weissheimer-Areal außer
einem Hotel auch Stadthäuser bauen. Die Verwaltung unterstützte das Ansinnen, weil sie
damit dasselbe Ziel verfolgt wie mit der neuen Stadthausgalerie: die Revitalisierung der
Innenstadt, in die Käufer und Bewohner zurückgelockt werden sollen. Reihenhäuser für
Familien wurden übrigens schon Mitte der 1980er Jahre in der Oberen Wallstraße gebaut,
als noch Eigenheime im Grünen das Maß der Dinge waren. Mit ihren individuell gestal-
teten Fassaden könnten sie Vorbild für künftige Häuser in der Innenstadt sein.

Platz schreit nach Neugestaltung

Allerdings haben die römischen Funde auf dem Weissheimer-Areal die Dinge erschwert.
Da in ihrem Bereich nicht gebaut werden darf, können hier nur Wohnungen entlang der
Hochstraße, vis-à-vis dem Kolpinghaus, entstehen. Als zusätzliche Fläche käme der Park-
platz am Runden Turm in Frage. Laut Andernachs Oberbürgermeister "schreit" dieser  
Ort geradezu nach einer Neugestaltung. Die Stadt will den Parkplatz dort abschaffen und
stattdessen auf dem ehemaligen Gelände der Familie Schumacher ein Parkdeck errichten.
Damit wäre der Weg frei für eine Bebauung mit Wohnhäusern. Doch Neubauten am
Runden Turm sind "ein kritischer Punkt" (FWG-Sprecher Hans Schwarz-Heintges).

Bisher hat der Stadtrat über zwei Varianten für eine Bebauung an diesem Ort debattiert.
Die erste schlägt den Bau von Stadthäusern in L-Form parallel zur Hoch- und Kölner
Straße vor. Das denkmalgeschützte Haus Hochstraße Nr. 11 würde abgerissen. Die an-
dere Variante sieht Häuser entlang der Stadtmauer, die parallel zur Kölner Straße ver-
läuft, vor. Entlang der Hochstraße würde nur bis zum Haus Nr. 11 gebaut; dieses bliebe
erhalten. Zusätzlich könnten zwei Hauseinheiten an der Stadtmauer parallel zur Konrad-
Adenauer-Allee entstehen.
"Reden im Konjunktiv macht hässlich, Freunde!" Homunculi
© 2009-2016 Wolfgang Broemser
"Mua muahaha XXL hahamuaa!"
Emoji-Sprache für: "Du verbeulter XXL-Trottel!"
Eigentümern fehlt das Geld

Natürlich sind staatliche Sanierungsprogramme nur ein Tropfen auf den heißen Stein.     
Auch fördern sie bei Hausbesitzern nicht unbedingt das Gespür für Baukultur. Doch das
Hauptproblem sind die Sanierungen, die unterbleiben, weil die Eigentümer sie sich nicht
leisten können. Ohne eigenes Geld keine Zuschüsse - daher tut sich in der westlichen
(wie zuvor in der östlichen) Altstadt leider viel zu wenig.
Wahrzeichen muss zugänglich bleiben

Vorstellbar wäre aber noch eine andere Lösung, die den Runden Turm - ein mittel-
alterliches Bauwerk von nationalem Rang - davor bewahren würde, zugebaut zu werden.
An der Stelle des Parkplatzes wäre eine öffentliche Grünanlage denkbar. Dann blieben  
der freie Blick und freie Zugang zum Turm und zur Stadtmauer von der Hochstraße aus
erhalten. Mehrere Stadthäuser könnten entlang der Hochstraße bis zur Einfahrt des ehe-
maligen Parkplatzes entstehen, wenn Haus Nr. 11 und der Parkplatz an der Ecke von
Kirch- und Hochstraße wegfielen. Zwei Stadthäuser könnten, wie vorgeschlagen, an der
Stadtmauer parallel zur Konrad-Adenauer-Allee entstehen. Allerdings wird auch erwogen,
das Haus Nr. 11 zum Standort des neuen Stadtmuseums zu machen (falls ein Neubau
günstiger erscheint als der Umbau des alten Museums).
Das Nikoläuschen vor seinem maroden Häuschen - während   der Heilige noch fest auf seiner Konsole steht, gefährden der instabile Balkon und bröckelnde Putz die Sicherheit der Passanten.
Ladenhüter aus Stein?

Ein richtiger Skandal aber und eine Verschandelung des Stadtbilds sind die seit Jahren 
leer stehenden und dem Verfall preisgegebenen Häuser. Warum die Eigentümer, die
durch ihr Nichtstun den Wert ihrer Liegenschaften permanent schmälern, nicht ver-
kaufen, ist unklar. Vielleicht liegt es an unrealistischen Preisvorstellungen, begründet in
der emotionalen Identifikation mit der eigenen Immobilie. Ein weiterer Grund dürfte die
Schwierigkeit sein, Gebäude in der engen, zugebauten Altstadt, insbesondere in der
Rheinstraße, optimal zu nutzen. Es lassen sich offenbar kaum Käufer finden, die zu
umfassenden Sanierungen, zumal unter strengen Denkmalschutzauflagen, bereit sind.*  
Im Erdgeschoss Gastronomie oder Läden, gut, aber was soll in die oberen Geschosse
kommen? Büros etwa für Freiberufler scheitern am schlechten Leumund der Rheinstraße
(Andernachs "Drosselgasse"), Wohnungen sind schwierig umzusetzen, wenn kein Platz
für Garagen vorhanden ist. Am ehesten wäre in einem der Geisterhäuser ein Hotel
vorstellbar; dieses ist nicht unbedingt auf Parkplätze angewiesen, und die Gäste könnten
authentisches Altstadt-Ambiente genießen (über das Andernach im Gegensatz etwa zu
Rothenburg ob der Tauber verfügt - der Stadtkern blieb im Zweiten Weltkrieg
weitgehend unzerstört).    
*) Tatsächlich hat sich jetzt eine Firma aus dem Ruhrpott dazu durchgerungen, das Nikolaushaus an
der Ecke Rheinstraße/Mauerstraße zu erwerben und kernzusanieren. Im Parterre sind Gastronomie
und darüber Eigentumswohnungen geplant, auf dem Dach gar ein Penthouse - ein gehöriges Wagnis,
denn hochwertige Wohnungen lassen sich heute ohne viel Licht, Balkone und Parkraum kaum ver-
markten: alles Bedingungen, die das "Nikoläuschen" im Schatten des mittelalterlichen Rheintors nicht
erfüllt. Außerdem dürfen künftige Bewohner beim Einzug in das Haus auf keinen Fall das Oropax
vergessen (wg. der Andernacher "Drosselgasse")!