Auf dem Zenit

Nach 1945 stieg Weissheimer zur größten Mälzerei Deutschlands auf. Im ganzen Land
wurden Produktionsbetriebe aufgebaut. Zusammen mit den Landwirten prüfte man   
neue Sorten von Braugerste, ermittelte, welche Gerste an welchem Standort am besten
gedeiht. Man forschte im Bereich moderner Biotechnologie, stand in engem Kontakt zu
brautechnischen Hochschulen. Weissheimer ließ auch eine selbst entwickelte Wasch-
trommel zur Reinigung der Gerste patentieren.

 
Zu hoch gepokert: Rückblick auf eine Mälzerei
Fotos: Stadtmuseum, Weissheimer KG
"So ein Arzt ist ja ´ne Krankheit! Ich trinke nur Red Bull, du weiß lackierter Schluckspecht!"
         
   Sagt definitiv kein Arzt. 
Die Friedrich Weissheimer KG produzierte Malz für die wichtigsten deutschen Biere  
und für namhafte Bier- und Whiskymarken im Ausland. 2006 jedoch musste das Familien-
unternehmen seine geschäftlichen Aktivitäten in der siebten Generation einstellen. Damit
ging eine 142-jährige Erfolgsgeschichte abrupt zu Ende. Der seit Jahrzehnten abnehmende
Bierdurst der Deutschen dürfte daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.

Einst die wichtigste Industriesparte

Der Pfälzer Friedrich Weissheimer hatte die Firma 1864 als erste Malzfabrik Andernachs
gegründet. Er wollte die vielen Brauereien im benachbarten Niedermendig beliefern, die
ihr Bier in den kühlen Lavakellern der Vulkaneifel lagerten. Ein Jahr später folgte Mengel-
bier, dann weitere Betriebe. Ende des 19.  Jahrhunderts war die Malzindustrie die
wichtigste Industriesparte der Stadt. Nach der Erfindung der künstlichen Kälteerzeugung
zogen aber fast alle Brauereien wieder aus der Vordereifel ab. Nur vier der Andernacher
Malzfabriken überlebten, darunter auch Weissheimer. Sie verstanden es am besten, die
günstige Lage am Rhein zu nutzen. Diese ermöglichte die kostengünstige Anlieferung von
Gerste auf dem Wasserweg und die Verschiffung des Malzes an die Abnehmer. Die
Geschäftsführer von Weissheimer hielten das Unternehmen auch in der Zeit zwischen
den beiden Weltkriegen auf Kurs. Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in der
Fabrik der größte öffentliche Luftschutzraum der Stadt.
Nach der Wiedervereinigung ging´s bergab

Erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands und Europas stellten sich Probleme ein.
Die neue Situation verleitete Weissheimer offenbar zu einer ungebremsten Expansion in
Osteuropa. 2006 geriet die Mälzerei in Zahlungsschwierigkeiten und musste zweimal
Insolvenz anmelden. Gründe waren, so der Insolvenzverwalter, die starke Expansion des
Hauses im Osten und ein Einbruch des Malzpreises. Dadurch verlor das Unternehmen
offenbar seinen Kredit bei den Banken. Es musste sich den Bedingungen eines Investors,
der russischen Avangard-Gruppe, beugen. Um seine Schulden zu tilgen, trennte sich
Weissheimer von seinen Produktionsstätten und Tochterfirmen. Die Betriebe Koblenz,
Bremen, Gelsenkirchen und Großaitingen gingen an die AvangardMalz AG. Durch diesen
Erwerb rückte der russische Investor zu den zehn größten Malzherstellern in Europa auf.
Die meisten der 130 Arbeitsplätze des Traditionsunternehmens konnten durch die
Transaktion gerettet werden.
Die Töchter überlebten

Prekär war dagegen die Zukunft der Mitarbeiter des aufgelösten Stammwerks in
Andernach. Sie wurden 2006 arbeitslos; der neue Betrieb in Koblenz, der vielleicht
einen Teil von ihnen hätte übernehmen können, wurde erst im Herbst 2008 von
Avangard fertig gestellt. Von der Insolvenz nicht betroffen waren die Tochterfirmen
Maltamore (Spezialmalze für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie), Maltagen
(grüne Biotechnologie) und Maltaflor (Dünger auf Basis von Malzkeimen).
Stadt entwickelte Luxuswohnungen

Teile des ehemaligen Stammhauses von Weissheimer wurden von der Stadt zum
Wohnpark "Villa Regia" umgewandelt. Hinter den denkmalgeschützten Fassaden ent-
standen hochwertige Eigentumswohnungen mit Aufzügen und exquisiten Bädern,
Fußbodenheizung und bis zu fünf Meter hohen Decken. Das Ganze verkaufte sich fix,
wohl auch, weil der Verkauf provisionsfrei war und der Makler mit einem Blick "auf den
Rhein und die Weinberge von Leutesdorf" warb. Historisch informierte Käufer können 
sich zudem an dem Gedanken berauschen, dass an diesem Ort einst ein Hotel stand, in
dem ein russischer Zar und der "Goethe der Franzosen", Victor Hugo, abstiegen. Oder
dass hier noch viel früher die Franken "in einem ehemals römischen Gebäudekomplex 
eine Königspfalz einrichteten" (Dr. Klaus Schäfer, der Leiter des Stadtmuseums). Der
hochtrabende Name des Wohnparks dient also nicht nur der Werbung, sondern ist
historisch gerechtfertigt.*
*) Dass Andernach Standort eines merowingischen Königshofes war - auch wenn die Lage der 
Pfalz nicht mehr nachweisbar ist -, geht u. a. aus dem Gedicht Die Moselfahrt von Venantius
Fortunatus hervor. Darin beschreibt der Dichter und Gelehrte die Reise, die er im Gefolge des
jugendlichen Königs Childebert II. im Jahr 588 von Metz aus unternahm. Der spätere Bischof von
Poitiers preist Andernach als "prächtigen Ort", überragt von den Zinnen der ehemals römischen
Festung, gesegnet mit Rebland, fruchtbaren Feldern und dem Fischreichtum des Rheins. (Ähnlich
angetan, doch zugleich ergriffen von schöner Melancholie, reagiert mehr als zwölfhundert Jahre
später Victor Hugo auf die Stadt.)   
"Was ist schöner als ein Schlips?    Ein Schwips!"                               Der "bestgekleidete Biertrinker Deutschlands" (Krawatten-Institut, Krefeld) warb für Weissheimer. Gerüchteweise ging die Malzfabrik   auch deshalb unter.
© 2009-2021 Wolfgang Broemser