"Die Einzigartigkeit des Geysirs kann ein wesentlicher Vorteil für die Vermarktung sein, ist aber auch Verpflichtung, mit dieser Attraktion nachhaltig und umweltverträglich umzugehen."

Christian Heller, Geschäftsführer der gemeinnützigen Geysir.Info GmbH
"Andernach macht ja gaanz große Sprünge...!"
"Der Reiz des Neuen verfliegt schnell - es sei denn, das Neue wird ständig neu erfunden."
"Niemand hat die Absicht, eine Pumpe einzusetzen."
Hoch, höher, Andernach!
"Die höchste Verkörperung der Leichtigkeit, in welche die Atmosphäre des Stromes das Leben zu verwandeln vermag, ist Namedy." Helmut Domke

Wenn aus einer Sprudelflasche das Wasser spritzt, interessiert das keinen, wenn die
Erde dasselbe macht, kommen Tausende. Genau das macht sie auf dem Namedyer
Werth, einer Halbinsel wenige Kilometer rheinabwärts von Andernach. Etwa alle 120
Minuten schießt eine Fontäne je nach Windverhältnissen bis zu 60 Meter hoch aus dem
Boden.

Diese Blasen tun nur Gutes

Der höchste Kaltwasser-Geysir der Welt verdankt sich dem vulkanisch aktiven Unter-
grund der Osteifel. Aus einer Magmakammer entsteigt Kohlendioxid, dringt durch Risse
im Schiefer nach oben und löst sich wegen des Drucks in tiefen Grundwasserschichten.
Kohlendioxidhaltiges Grundwasser füllt einen auf dem Werth gebohrten 350 Meter
tiefen Brunnen bis zum Rand auf. In der Wassersäule steigen CO2-Blasen empor, die
mit abnehmendem Druck in der Säule immer größer werden. Dadurch treiben sie das
Wasser aus dem Brunnen; es kommt zu einer Eruption, die sechs bis acht Minuten
anhält, so lange, bis der Brunnen entleert ist. Danach strömt der Anlage erneut Grund-
wasser zu, und der Vorgang wiederholt sich - viermal am Tag. Entsprechend oft landet
das Geysir-Schiff neue Besucher an. Abends wird der Brunnen verschlossen, um ihn vor
Vandalismus zu schützen. Das Gas entweicht dann direkt aus dem Boden in die
Atmosphäre.

Frühe Touristen, Rote Falken

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Sprudel erstmals erbohrt. Eine Privatfirma
nutzte ihn zur Gewinnung von Kohlensäure und Mineralwasser. Bald lockte das Schau-
spiel erste Touristen an. In der Endzeit der Weimarer Republik hielten die "Roten
Falken" auf dem Werth ihre Zeltlager ab. An einem beteiligte sich der junge Arbeiter-
sohn Willy Brandt, der darüber in seinen Erinnerungen Links und frei berichtet.

Eine Umsatzquelle vergisst man nicht

Durch spielende Kinder und Besatzungssoldaten nach den beiden Weltkriegen wurde
der Brunnen erheblich beschädigt. Daher erbohrte die Firma Deilmann in den 1950er
Jahren eine neue CO2-Quelle. Doch wegen des geplanten Neubaus einer Bundesstraße
mitten durch das Werth wurde das Bohrloch 1957 verschlossen. Deilmann verkaufte
das Gelände an die Stadt Andernach. Jahrzehnte später beschloss diese, das Dorn-
röschen in der Tiefe wieder wach zu küssen und es als touristischen Leuchtturm
professioneller zu vermarkten denn je.

Dazu reaktivierte man 2001 den Sprudel, was live in die Stadthalle übertragen wurde
und bei Älteren für feuchte Augen sorgte. Weil das Gebiet aber inzwischen unter
Naturschutz stand, legte sich der BUND quer. Die Naturschützer lenkten erst ein, als
die Stadt Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für den Eingriff in die Halbinsel zusagte.
Seitdem darf der Geysir wieder große Sprünge machen. Wegen der geschützten Tier-
und Pflanzenarten auf dem Werth ist die Anreise aber nur per Schiff möglich.  

Mehr als Selters, mehr als Sekt

Seit der Eröffnung des Geysir-Infozentrums kann das Naturspektakel von März bis
Oktober täglich erlebt werden. Es ist eigentlich nur Selters, sprich Wasser, was die
Erde ausspuckt. Aber weil sie das so vehement macht wie sonst nirgends, ist das Ganze
wie Sekt. Oder gar Champagner. Das belegt die Aufnahme des Andernacher Sprudels
ins Guinness-Buch der Rekorde. Oder die Verblüffung, die die Kunde vom Geysir auf
der ITB in Berlin auslöste.

Die Stadt rechnete anfangs mit 100.000 Besuchern pro Jahr (die Zahl wurde seither
übertroffen). Ziel war und ist es, nicht nur den neu erschlossenen Geysir sprudeln zu
lassen, sondern auch die Touristen - vor Konsumlust! Gastronomie und Handel sollen
von dem neuen Gästestrom profitieren. Beim eigens errichteten Infozentrum konnte
die Stadt dank Landeszuschüssen in die Vollen gehen: "Europas größte Experten" (so
der Oberbürgermeister) lieferten die Ausstellungskonzeption und Exponate. Für einen
Weltmeister wie den höchsten Kaltwasser-Geysir kommen schließlich nur - und
mindestens - Europameister infrage!


      Zahlen, die vor Freude übersprudeln lassen

_Schon in der ersten kompletten Saison strömten 125.000 Besucher
  zum Geysir. Danach pendelte sich die Zahl bei 115.000 ein.
_Laut Umfrage sind 70 Prozent der Gäste mit dem Eintrittspreis und
  94 Prozent mit dem Dreierpacket (Erlebniszentrum, Schifffahrt, Geysir)
  einverstanden.
_Die meisten Besucher kommen auf persönliche Empfehlung.
_59 Prozent besuchen nach dem Geysir auch die Andernacher
  Innenstadt.
_35 Prozent kommen aus Rheinland-Pfalz, ebenso viele aus NRW,
  der Rest aus den übrigen Bundesländern und dem Ausland.
_Allerdings sind nur 10 Prozent der Gäste "Wiederholungstäter".
                                                                   Quelle: Geysir.info gGmbH
Die Stadt Andernach und alle am Ruf ihrer Heimatstadt interessierten Andernacher versichern -
notfalls unter Eid -, dass der Geysir von selbst springt und nicht durch eine "versteckte"
Pumpe künstlich erzeugt wird! Andernach ist seit Jahren Mitglied der Internationalen Vereinigung
gegen den unlauteren Einsatz technischer Hilfsmittel. Auch dem Leben auf Pump ist die Stadt
herzlich abgeneigt, weshalb sie bundesweit eine der niedrigsten Schuldenraten pro Kopf hat.
Gegen die Gefahr des "Sich-Aufpumpens" sind die Bäckerjungen allerdings nicht gefeit, wie die
neue Stadthausgalerie zeigt.
Gib Pump(-en) keine Chance!
© 2009-2016 Wolfgang Broemser
Ein ranghohes Mitglied der Stadtverwaltung, das garantiert kein Sächsisch spricht.
"Nur Bares ist Wahres - ich stecke voller Bar!"