"Andernach macht ja gaanz
große Sprünge...!"
"Der Reiz des Neuen verfliegt
schnell - es sei denn, das Neue
wird ständig neu erfunden."
Wenn aus einer Sprudelflasche das Wasser spritzt, interessiert das keinen, wenn es aus
einem Brunnenloch sprudelt, kommen Zehntausende. Eben das passiert auf dem Namedyer
Werth, einer Halbinsel wenige Kilometer rheinabwärts von Andernach. Ungefähr alle      
120 Minuten schießt hier eine Fontäne je nach Windverhältnissen bis zu 60 Meter hoch     
aus dem Boden.

Künstlich provozierter Ausbruch

Der höchste Kaltwasser-Geysir der Welt verdankt sich dem vulkanisch aktiven Untergrund
der Osteifel. Aus einer Magmakammer entsteigt Kohlendioxid, dringt durch Risse im Schie-
fer nach oben und löst sich wegen des Drucks in tiefen Grundwasserschichten. Kohlen-
dioxidhaltiges Grundwasser füllt einen auf dem Werth gebohrten 350 Meter tiefen Brunnen
bis zum Rand auf. In der Wassersäule steigen Kohlendioxid-Blasen empor, die mit abneh-
mendem Druck in der Säule immer größer werden. Dadurch treiben sie das Wasser aus   
dem (geöffneten) Brunnen; es kommt zu einer Eruption, die sechs bis acht Minuten anhält,  
so lange, bis der Brunnen entleert ist. Danach strömt der Anlage erneut Grundwasser zu, 
und der Vorgang wiederholt sich - vier Mal am Tag. Entsprechend oft landet das Geysir-
Schiff neue Besucher an. Abends (und im Winter) wird der Brunnen mit einem Absperr-
schieber verschlossen, damit er nicht mehr springen kann und vor Vandalismus geschützt    
ist. Das Gas entweicht dann direkt aus dem Boden in die Atmosphäre.
Christian Heller, Geschäftsführer
der gemeinnützigen Geysir.Info
GmbH
Zahlen, die vor Freude übersprudeln lassen:
Schon in der ersten kompletten Saison strömten 125.000 Besucher zum Geysir.            
Danach pendelte sich die Zahl bei 115.000 ein.
Laut Umfrage sind 70 Prozent der Gäste mit dem Eintrittspreis und 94 Prozent mit dem
Dreierpacket (Erlebniszentrum, Schifffahrt, Geysir) einverstanden.
Die meisten Besucher kommen auf persönliche Empfehlung.
59 Prozent besuchen nach dem Geysir auch die Andernacher Innenstadt.
35 Prozent kommen aus Rheinland-Pfalz, ebenso viele aus NRW, der Rest aus den übrigen
Bundesländern und dem Ausland.
Allerdings sind nur zehn Prozent der Gäste "Wiederholungstäter".
Der Geysir-Tourismus hat sich mittlerweile als Musterfall für sanften Tourismus entpuppt, der weder der
Natur noch der Stadt Schaden zufügt. Es wurde kein Massentourismus generiert, sondern ein klug
kanalisierter Tourismus, der vornehmlich bildungs- und zahlungswillige Gäste anlockt. Der Geysir ist in ein
Infotainment-Programm eingebettet, welches das Naturverständnis fördert. Er springt nur vier Mal am   
Tag und kann nur per Schiff besucht werden. Der Geysir-Tourismus schafft kein hektisches Drachenfels-
und-Deutsches-Eck-und-Drosselgassen-Event-Spektakel. Er adressiert nicht die an ADHS leidende Homo-
sapiens-Unterart des gemeinen Touristen, sondern den Marco Polo des Alltags, den Erforscher und
Erkunder der eigenen Region und des eigenen Landes.
Das sollte die Andernacher Stadtspitze bedenken, wenn es um die neue Erschließung des Krahnenbergs,
des Hausbergs der Stadt, geht. Ein Schrägaufzug oder gar eine Seilbahn sind ein Vehikel für Massen-
tourismus. Sie sind teuer und rentieren sich nur, wenn sie Massen transportieren. Touristenmassen würden
aber den Krahnenberg erdrücken; er darf und er kann nicht zu einem zweiten Drachenfels oder einer
linksrheinischen Loreley mutieren. Er sollte für die Einheimischen wieder ein attraktives Ausflugsziel
werden; dann darf sich auch der eine oder andere Ortsfremde wieder unter die Ausflügler mischen.    
Keep things small and charming! Egoismus kann auch gesund, sprich: umweltfreundlich, sein.
Dafür reaktivierte man 2001 den Sprudel mit einer neuen Bohrung, was live in die Stadthalle
übertragen wurde und bei Älteren für feuchte Augen sorgte. Weil das Gebiet inzwischen
aber unter Naturschutz stand, legte sich der BUND quer. Die Naturschützer lenkten erst 
ein, als die Stadt Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für den Eingriff in die Halbinsel zusagte.
Seitdem darf der Geysir wieder große Sprünge machen. Wegen der geschützten Tier- und
Pflanzenarten auf dem Werth ist die Anreise nur per Schiff möglich.
Mehr als Selters, mehr als Sekt

Seit der Eröffnung des Geysir-Infozentrums kann das Naturspektakel von März bis Oktober
täglich erlebt werden. Es ist eigentlich nur Selters, sprich Wasser, was die Erde ausspuckt.
Aber weil sie das so vehement macht wie sonst nirgends, ist das Ganze wie Sekt. Oder gar
Champagner. Das belegt die Aufnahme des Andernacher Sprudels ins Guinness-Buch der
Rekorde. Oder die Verblüffung, welche die Kunde vom Geysir auf  der Internationalen
Tourismusbörse in Berlin auslöste.

Die Stadt rechnete anfangs mit 100.000 Besuchern pro Jahr (die Zahl wurde seither deutlich
getoppt). Ziel war und ist es, nicht nur den Geysir sprudeln zu lassen, sondern auch die
Touristen - vor Konsumlust! Gastronomie und Handel sollen von dem neuen Gästestrom
profitieren. Beim eigens errichteten Infozentrum konnte die Stadt dank Landeszuschüssen in
die Vollen gehen: "Europas größte Experten" (so der Oberbürgermeister) sorgten für die
Ausstellungskonzeption und die Exponate. Für einen Weltmeister wie den höchsten
Kaltwasser-Sprudel müssen es, na klar, mindestens Europameister sein!
Dornröschen in der Tiefe

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Brunnen durch spielende Kinder und Besatzungs-
soldaten erheblich beschädigt. Daher erbohrte die Firma Deilmann in den 1950er-Jahren eine
neue Kohlendioxid-Quelle. Doch wegen des geplanten Neubaus  einer Bundesstraße mitten
durch das Werth wurde das Bohrloch 1957 verschlossen. 1990 verkaufte Deilmann das Ge-
lände an die Stadt Andernach. Diese beschloss um die Jahrtausendwende, das Dornröschen 
in der Tiefe wieder wach zu küssen und es als touristischen Leuchtturm zu vermarkten.
 
"Niemand hat die Absicht, eine
Pumpe einzusetzen."
Ein ranghohes Mitglied der Stadt-
verwaltung, das garantiert kein
Sächsisch spricht, zu - von Neu-
wieder Hackern gestreuten? -
Gerüchten, dass der Geysir nicht  
von selbst springt.
Frühe Touristen, Rote Falken

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Sprudel erstmals erbohrt. Eine Privatfirma
nutzte ihn zur Gewinnung von Kohlensäure und Mineralwasser. Bald lockte das künstlich
ausgelöste, aber natürlich ablaufende Schauspiel erste Touristen an. In der Endzeit der
Weimarer Republik hielten die Roten Falken auf dem Werth ihre Zeltlager ab. An einem
beteiligte sich der junge Willy Brandt, der darüber in seinen Erinnerungen Links und frei
berichtet.
Quelle: Geysir.info gGmbH
© 2009-2022 Wolfgang Broemser
Hoch, höher, Andernach!
"Die höchste Verkörperung der Leichtigkeit, in welche die Atmosphäre des
Stromes das Leben zu verwandeln vermag, ist Namedy." Helmut Domke
"Die Einzigartigkeit des Geysirs
kann ein wesentlicher Vorteil für
die Vermarktung sein, ist aber
auch Verpflichtung, mit dieser
Attraktion nachhaltig und
umweltverträglich umzugehen."