In der Rekordzeit von zwei Monaten hat der Landkreis Mayen-Koblenz eine neue Mensa
im Andernacher Schulzentrum errichtet - sie musste pünktlich zu Beginn des neuen
Schuljahrs fertig werden. Nur so kann die auf das Doppelte angewachsene Zahl von
Ganztagsschülern des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums verpflegt werden. Bisher speisten
60 Ganztagsschüler im Betriebsrestaurant einer Klinik. Für 120 Schüler wäre dort kein
Platz mehr gewesen. Wegen des Zeitdrucks entschied sich der Kreis für einen Fertigbau,
der von einem Spezialisten hochgezogen wurde. Für den 1,6 Millionen Euro teuren
Modulbau gab es Zuschüsse aus dem Konjunkturprogramm II des Bundes.

Die Kantine wächst mit

Dem zweigeschossigen Gebäude sieht man nicht an, dass es ein Fertigbau ist. Zwei
Mahlzeiten stehen zur Auswahl; der Schulträger fördert die Essenspreise. Die Gerichte
kommen von einem Catering-Service und werden in der Küche erwärmt und portioniert.
Richten auch die anderen Schulen des Zentrums Ganztagsangebote ein und behauptet die
Kantine sich gegen die Konkurrenz der Dönerbuden, kann das Gebäude um ein weiteres
Stockwerk erweitert werden und bis zu einer Kapazität von 800 Plätzen "mitwachsen".

Wettbewerb um Neubürger wird härter

Laut Landrat Alexander Saftig stärkt die Kantine den Schulstandort Andernach, weil sie
hilft, Familie und Beruf zu vereinbaren: "Berufstätige Eltern können sicher sein, dass ihr
Kind regelmäßig ein ordentliches Mittagessen bekommt." Obwohl der aktuelle Schulent-
wicklungsplan des Kreises vorhersagt, dass - mit Ausnahme der Gymnasien - Andernachs
Schulen massiv Schüler verlieren, sieht der Landrat die Situation in Andernach als "stabil"
an. Die "Zentralität der Stadt" ist ihm zufolge nicht gefährdet. Das Schulangebot sei groß
und werde durch die Mensa noch attraktiver. Der Kreischef ist überzeugt, dass es in zehn
Jahren nur noch Ganztagsschulen gibt.

Ein auf den ersten Blick eher belangloses Projekt wie die Mensa zeigt, dass der Konkur-
renzkampf der Kommunen, vor allem um Familien mit Kindern, immer größer wird. Auch
Andernach ist ein Kaninchen, das die Schlange "demografischer Faktor" - immer mehr alte,
immer weniger junge Menschen - anstarrt, dabei aber nicht erstarren darf. Da ist die Hilfe
des Kreises wertvoll, der seit 2008 die stolze Summe von fast 50 Millionen Euro in seine
Schulen investiert hat.
Andernach tut alles Mögliche - und Unmögliche

Auf anderen Konkurrenzfeldern, wie Wirtschaft und Touristik, wo die Stadt selbst han- 
deln muss, ist nicht alles Gold, was glänzt. Der Wunsch der Verwaltung, Käuferströme
nach Andernach zurückzulenken, führte dazu, dass sich Fachmarktzentren mit zu viel
innenstadtrelevantem Sortiment an der Koblenzer Straße breitmachen durften. Das
schwächte den Handel in der Altstadt, der jetzt durch die neue Stadthausgalerie gewaltsam
reanimiert werden soll. Die ebenso übertriebene Vermarktung des Namedyer Geysirs
bescherte den Andernachern beträchtliche Schifffahrtskosten und ein millionenschweres
Erlebniszentrum, von dem man nicht weiß, ob es ein dauerhafter Zuschussbetrieb wird.   
Im ersten Betriebsjahr - es umfasste noch keine volle Saison - schloss die Geysir-
Gesellschaft der Stadt mit einem Minus von 229.000 Euro. Im Jahr darauf reduzierte sich
der Fehlbetrag auf 113.000 Euro; auch in den Folgejahren blieb es bei Verlusten. Ziel muss
ein kostenneutraler Betrieb sein, fordern nicht nur die Mitglieder des Stadtrats unisono.

Naturnah und schulfern

Auch bei der Vermarktung von Neubaugebieten lässt die Stadt sich nicht lumpen. Sie       
hat den Löwenanteil der Grundstücke im Baugebiet "Pönterberg II" im Stadtteil Kell er-
worben, um Bauplätze zügig und (fast) zum Selbstkostenpreis veräußern zu können.
Attraktive Schulen und attraktives Bauland gehören sicherlich zusammen. Allerdings liegt
Kell kilometerweit von der Kernstadt und ihren Schulen entfernt, hat selbst keine Schule.   
Viele Keller Bürger bezweifeln daher die Notwendigkeit eines weiteren Neubaugebiets.
Sie haben sogar erfolglos gegen den Bebauungsplan geklagt. Doch die Stadtverwaltung ist
zuversichtlich, dass es eine "stabile Nachfrage" nach Bauplätzen in dem Ort gibt. Sie will
dort unbedingt junge Familien ansiedeln, auch wenn Eigenheim-Ghettos auf dem Land
ökologisch und ökonomisch nachteilig sind, die Landschaft zersiedeln und mit ihrer
biederen Fallerhäuschen-Optik Bauästheten verprellen.
Gründerzeit für Cafés - Mensa-Blog I
Ja, gibt´s denn das?! Weil die Mensa-
kost "zu schlecht" ist, haben Ander-
nacher Schüler laut der Rhein-Zeitung  
ihr eigenes Café gegründet. Merke:
Billigpreise und Qualität schließen    
sich aus, in der Schule wie im Leben.
Ernährungswissenschaftler beklagen,
dass Politiker statt auf gesundes, also
gutes Essen immer noch auf die Geiz-
ist-geil-Mentalität setzen.

Ihm schmeckt es - Mensa-Blog II
Als der Landrat die Zeitungsmeldung
las, verging ihm wohl der Appetit - 
und kehrte erst wieder, als er sich in
der gescholtenen Kantine als Testesser
probierte: "Mir hat es geschmeckt, und
ich wurde satt", gab der Kreischef
trotzig zu Protokoll, kaum dass er
Fisch, Spinat und Kartoffeln gespachtelt
hatte. - Die entscheidende Frage
lautet natürlich: War der Besuch Saftigs
angekündigt? Der Autor wird sich
demnächst selbst als Mystery Shopper in
die Mensa verfügen müssen, um die
brisanten Vorwürfe zu überprüfen.

Was erlauben sich Pfeiffer? -
Mensa-Blog III
Mission impossible - dem Autor
wurde der Zutritt zur Kantine
verwehrt. Grund: Seine Verkleidung als
Schüler flog auf. Hatte sich wohl zu
sehr am Herrn "Pfeiffer mit drei Eff"
orientiert. Ein Outfit à la Feuerzangen-
bowle ist in Zeiten von Destroyed
Jeans, Kapuzenpullovern und Sneakern
wirklich nicht mehr zeitgemäß!
"Die Werbung ist ja geklaut...!"
Schlecht.
Für Andernach.
Die Schülerzahlprognosen.
Trotzdem gut.
Landkreis Mayen-Koblenz.

www.kvmyk.de
Futtern nicht bei Muttern: die neue Mensa
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"Der Steuerzahler zahlt das Essen, und die Schüler kotzen es ihm ins Gesicht!" Motzki                                  
Ganz allein im Traumhausland - zweieinhalb
Jahre nach Vertriebsstart ist erst ein Grundstück
von "Pönterberg II" bebaut. Sind die Bürger
inzwischen klüger als die Bürgermeister? Zieht   
es sie nicht mehr wie Lemminge ins Grüne?
© 2009-2016 Wolfgang Broemser
Zu früh gefreut - der Pönterberg wieder zwei Jahre später (die niedrigen Zinsen machen´s möglich). Okay, dann bleibt wenigstens die örtliche Kita ein bisschen länger erhalten...