Die literarische Stimme der Nietenzieher
"Ich bin gerade jetzt glücklich, weil ich so lange unglücklich war. Es ist fast unheimlich, glücklich zu sein."              In einem Interview mit der Rhein-Zeitung, 3. Juni 1978
P.S.: Seit langem träumt die Charles-Bukowski-Gesellschaft davon, eine Gedenkstätte im
Andernacher Geburtshaus des Schriftstellers einzurichten. In dem Haus in der Aktienstraße     
"I look with much fondness toward you and toward Andernach, where   I began my life."
Aus einem Brief an Onkel Heinrich
                                        
 
Der Maro Verlag brachte 2007
eine Neuausgabe der Ochsentour
heraus. (Darin wieder das Foto,
das Bukowski beim Verlassen 
des Kölner Doms zeigt - ein
mittleres PR-Desaster. Wer
schleppte eigentlich Buk an
diesen Ort? Kein Freund.)
"Bukowski zelebrierte eine seltene Kunst - die Kunst des Verlierens." Gundolf S. Freyermuth
Auch Bukowskis Witwe möchte, dass nach ihrem Tod im Haus ihres Mannes in Los Angeles    
ein Museum entsteht, mit dem Arbeitszimmer Buks und den Manuskripten seines Spätwerks.  
Es handelt sich um die Villa in San Pedro, die der vermögend gewordene Autor 1978 erwarb,
was enttäuschte deutsche Fans mit Liebesentzug quittierten ("bourgeoises Schwein", "Verräter
der Pennerklasse"). Ob die kalifornische Weltstadt oder die rheinische Kleinstadt einmal zum
Pilgerort wird, ist ungewiss; man darf auf die kalifornische Weltstadt wetten. Immerhin kann
Andernach mit einer schnuckeligen Bukowski-Ecke in seiner Stadtbücherei aufwarten - eine 
von Andernachs schönsten oder "schmutzigsten" Ecken, je nach Gusto.
Im Ariel-Verlag erschien Los
Angeles - Andernach. Briefe an
Onkel Heinrich, hg. von der
Charles-Bukowski-Gesellschaft.
Der 2001-Versand schnitt die
Lesung Bukowskis 1978 in
Hamburg mit und gab sie als LP
heraus; 2008 neu veröffentlicht
auf CD ("Hello, it´s good to be
back!").
Das Label Bellaphon edierte
eine DVD mit Filmen von
Thomas Schmitt: "Charles
Bukowski in Hamburg" und
"Bukowski zum Siebzigsten"
(gedreht im Haus des Autors).
"Hey, Buk, bei uns schäumt das Bier am besten!"
Der Ritterschlag zum Klassiker - ein eigenes Straßenschild in den Andernacher Rheinanlagen!
"Hank...?"
Die Barmherzigkeit der Literatur

Dieser Autor war ein Wunder an Widerstandskraft, ein Loser, der nicht unterging, ein
Bad Guy, der menschlich blieb, ein Literat, der das glanzlose Leben der Abgestempelten
in glänzende Literatur transformierte. Bukowski gewährt seinen Figuren die Gnade
künstlerischer Verarbeitung, die sie vor sich selber und der Verachtung der Leser
schützt - im Gegensatz zu den quasi nackt abgefilmten Menschen des sogenannten
"Unterschichten-Fernsehens". Bukowski nimmt sich Zeit, dringt in seelische Schichten
vor, die seine Figuren mit den Lesern teilen. Solche Schichten erreicht das Reality-TV
nie. Stattdessen bedient es krude Vorurteile, liefert die ohne den Filter der Fiktion
dargestellten Personen dem Voyeurismus aus. Die Lost Souls im Fernsehen verlieren 
ein zweites Mal, während sie bei Bukowski ihre Würde zurückgewinnen. Jedoch nicht
durch Moral, sondern durch stilsichere Überzeichnung, die das Leben der Außenseiter
so vital, so komisch, so lustvoll vulgär erscheinen lässt, dass auch der normale Leser
sich heimlich danach sehnt - und davon zehrt.
Selbstportrait in Öl, 1983
"Mein Essen bestand im Allgemeinen
aus einem Schokoriegel täglich. Eine
Flasche billiger Wein war das Teuer-
ste, was ich mir leistete. Ich rauchte
Selbstgedrehte und schrieb Hunderte
Short Stories, die meisten in Tinte  
mit der Hand." Basic Training/
Grundausbildung
"Ich wollte die Fallen umgehen und durchhalten, wollte an der Maschine sterben, mit einer Flasche Wein zur
Kein "Giftschrank", alles frei zugänglich - die Bukowski-Ausstellung in der Stadtbibliothek wurde
2018 von der Künstlerin Doris Büma neu gestaltet. Inzwischen ist sie in den zweiten Stock der Bücherei
umgezogen - was jedoch keine gute Idee war...
"Ich wäre dein stärkster Roman-held geworden, Hank. Ich eigne mich für obszöne Literatur, Ehrenwort!"
Vom "Heini" zum Popstar der Literatur

Mit knapp fünfzig quittiert er den Dienst, um Karriere zu machen, Karriere als Schrift-
steller. Und tatsächlich, das Davonfliegen - "wie ein Pfeil Richtung Himmel" - scheint zu
gelingen! Sein Roman Der Mann mit der Ledertasche - die deutsche Übersetzung von Post
Office - und der Band Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stock aus dem Fenster sprang
werden zu Bestsellern, vor allem in seinem Geburtsland. Als der Dichter 1978 zu einer
Lesung nach Hamburg kommt - vor der er, "der eher schüchterne Mensch" (Freyermuth),
gehörig Angst hat -, feiern ihn 1200 Zuhörer wie einen Popstar. Von diesem Ausflug zu
den Wurzeln erzählt das Buch mit dem bezeichnenden Titel Die Ochsentour. Der Einzel-
gänger steht erstmals permanent im Licht der Öffentlichkeit, was ihn häufig überfordert 
und ermüdet. Seine erste Deutschlandreise wird auch seine letzte bleiben.

In Andernach besucht Bukowski den 90-jährigen Onkel Heinrich. Dieser zeigt ihm sein
Geburtshaus in der Aktienstraße, das gerade zum Verkauf steht. In der Wohnung des
Onkels wird Buk herzlich bewirtet: "Die Wohnung war blitzblank, typisch deutsch wie
auch der Kuchen und Kaffee... es war die Zeit, wenn man sich zusammensetzte und
freundlich plauderte; es war eine Pause im Daseinskampf; sie war notwendig und gut."
So lernten sich Buks Eltern kennen

Der Onkel erzählt seinem Neffen, wie seine Familie nach dem Ersten Weltkrieg Hunger
litt, wie sie sah, dass die einquartierten US-Soldaten Fleisch aßen und das Fett weg-
warfen, wie seine Schwester - die spätere Mutter Bukowskis - dem Sergeanten
Bukowski deshalb empört auf die Stiefel spuckte, wie der Sergeant ihr daraufhin jeden
Abend Fleisch, Brot, Gemüse brachte - und "so lernten sie sich kennen und später
heirateten sie." So hat er es also gedreht, registriert der Autor kühl. Das schlechte
Verhältnis zu seinem Vater war wohl ein Hauptgrund für sein rebellisches und zugleich
defätistisches Lebensgefühl. Der Vater war nicht sein Vorbild, der Vater war sein Feind.
"Familie plus Gott und Vaterland, ein Zehn-Stunden-Tag dazu, und schon hatte man
alles, was man brauchte"  - dieser Glaube, den Henry Senior Henry Junior mit brutaler
Insistenz einzutrichtern versuchte, ließ den Sohn sich gegen alle bürgerlichen Werte
verschließen, zur "Ein-Mann-Demo" werden. Der Preis für die Fundamentalopposition
aber ist hoch: Jobhopping, Arbeitslosigkeit, Armut, Alkoholabhängigkeit. Kein Leben im
Wohlstand, sondern ein Leben im ständigen Ausnahmezustand.
Der Outsider kriegt die Kurve, bleibt aber Outsider

Die Kraft zur Rebellion raubt Bukowski zugleich Kraft, macht Depression zum Grund-
tenor seines Lebens, lässt den Dichter seinen Defätismus niemals ablegen. Er kommt 
noch in der Ochsentour zum Ausdruck, obwohl sich da schon der Erfolg eingestellt hat:
"Es stimmte doch, daß das Leben nicht zum Aushalten war, nur den meisten Leuten  
hatte man beigebracht, so zu tun, als wenn das nicht so wäre." Die Erfahrung, dass so 
viele Menschen, allen voran der eigene Vater, einem geschadet und nicht geholfen haben,  
lässt sich nicht verwinden, auch wenn man sich auf seine alten Tage vom Nietenzieher 
zur literarischen Stimme der Nietenzieher wandelt, dank plötzlich fließenden Tantiemen     
gar zum Besitzer eines Hauses (einschließlich Jacuzzi und neun Katzen) wird. Am Ende  
ist der missratene Sohn vermögender als seine Eltern es je waren.
Linken und vielleicht Mozart aus  dem Radio zu meiner Rechten." Basic Training/Grundausbildung
Galeerensträfling bei der Post

15 Jahre als Briefträger und -sortierer bei der Post, wo das Arbeitspensum rigoros    
genormt ist, bestärken Bukowski in dem Eindruck, dass er zu den Nietenziehern gehört.
Wer nicht ehrgeizig genug ist im bürgerlichen Leben, wird mit besonders stressiger
Arbeit bestraft ("ich schlief den ganzen Tag, um mich für den Job auszuruhen", heißt    
es in Post Office, dem autobiografischen Roman über diese Zeit). Dass die Würde des
Menschen unantastbar sei, ist zwar eine Forderung des Grundgesetzes, doch die
Arbeitswelt in den USA und in Deutschland - für die das Grundgesetz gilt - hält sich
eher wenig daran, noch heute, wie der Niedriglohnsektor zeigt.

Aber dieser Mann pflegt über Jahrzehnte sein literarisches Talent. "Erst wenn man      
lernt zu retten, was man retten kann, wird man weniger besiegt und weniger vernichtet 
werden." In Gedichten und Short Stories, anfangs publiziert in Untergrundzeitschriften,
schildert Bukowski die eigene Misere und die Misere anderer Lost Souls, realistisch und
schockierend direkt. Das "Schweinische", der Sex und der Suff, erscheint dabei als Privi-
leg der Nichtprivilegierten, als Mittel, um zu spüren, dass man lebt, und zwar im wilden
Zentrum des Lebens. Mit seiner brutalen und brutal guten Schreibe will der Autor sich
jenen Respekt erobern, den die Gesellschaft ihm bisher versagt hat. Der "Dirty Realism"
ist seine Form der Rebellion. Und die Rechnung soll aufgehen - diesen amerikanischen
Schulhof wird Bukowski nicht als Besiegter verlassen...
ist derzeit das Karnevalsmuseum eines begeisterten Faasenachters und Kranführers im Hafen
untergebracht. Der Mann hat, genau wie die Stadt, keinerlei Vorbehalte gegen diese Idee. Ein
solches Museum könnte sich dem Thema "Bukowski und Deutschland" widmen; das Archiv der
Gesellschaft birgt eine Fülle an Material. Doch sind die Bau- und vor allem Betriebskosten bis
dato eine unüberwindbar hohe Hürde.
© 2009-2021 Wolfgang Broemser
Der genialste "Maulwurf-Poet" der amerikanischen Literatur stammt aus Andernach.
Charles Bukowski wurde hier 1920 als Sohn eines US-Soldaten und der einheimischen
Näherin Katherina Fett geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Los Angeles,       
in die Geburtsstadt des Vaters, um. Der Ex-Sergeant arbeitet nun als Milchausfahrer, legt
sich mit jedem an, betrügt seine Frau, verdrischt seinen Sohn, wenn der den Rasen nicht
akkurat genug gemäht hat.

In der Schule hat Bukowski kaum Freunde. Er ist ein schlechter Baseballspieler, wird     
als "Heini" und "Sauerkrautfresser" verspottet, muss andere verprügeln, um nicht selbst  
verpügelt zu werden. "Auf amerikanischen Schulhöfen war mir von klein auf beigebracht
worden, dass es eine Schande war, wenn man sich besiegen ließ", wird sich sein litera-   
risches Alter Ego Hank Chinaski später erinnern. Ein Journalismusstudium am L. A. City
College bricht Buk wieder ab. Ohne Berufsausbildung zieht er in den 1940er-Jahren von
Job zu Job, von Stadt zu Stadt, arbeitet in Hundekuchenfabriken und Schlachthöfen, in
Versandabteilungen und Tankstellen. Sein Alkoholkonsum in dieser Zeit und auch später
ist gleichbleibend hoch.
Das Schreiben half Bukowski nicht nur, zu überleben, es half ihm auch, achtsam zu     
sein für andere prekäre Existenzen, die sonst niemand zur Kenntnis nimmt - wie es    
die ergreifende Schilderung des Schicksals von Betty in Post Office zeigt, die, von ihren
Kindern verlassen, als Putzfrau in einem schäbigen Hotel endet und sich zu Tode säuft. 
Oder, in demselben Buch, die Darstellung des alten Briefträgers, der "wie ein treuer  
Gaul war, der einfach nicht mehr weitergehen kann". Diese Humanität, die in der       
Beschreibung inhumaner Verhältnisse aufscheint, hat wohl zu der erstaunlichen Popu-
larität und Respektabilität des "Gossenpoeten" beigetragen, neben der Romanhaftigkeit
seines Lebens und dem Drang, Lebensweisheiten zu destillieren, sich selbst und seinen
Lesern eine Art Mentor zu sein, weil man selbst nie einen Mentor hatte. Nach seinem
Tod übernahm die Huntington Library den Nachlass des Dichters, es fanden Bukowski-
Auktionen statt, und der Strom nachträglich publizierter Werke riss jahrelang nicht ab.
Der Underdog aus Andernach ist zu einer Ikone der US-Popkultur aufgestiegen, wie
Charles M. Schulz, Clint Eastwood, Andy Warhol et al.. Trotzdem gilt: Er steht nicht
jedem, schon gar nicht der Mehrheit. Dafür war er zu groß im Leiden, Kämpfen und
Provozieren.