Die literarische Stimme der Nietenzieher
Der "beste Underground-Poet des 20. Jahrhunderts" stammt aus Andernach. Charles         
Bukowski wurde hier 1920 als Sohn eines US-Soldaten und der einheimischen Näherin
Katherine Fett geboren. Drei Jahre später, nach dem Ende der amerikanischen Besatzung,
zog die Familie nach Los Angeles, in die Geburtsstadt des Vaters, um. Der Ex-Sergeant
arbeitet nun als Milchausfahrer, prügelt seinen Sohn, prügelt und betrügt seine Frau.

In der Schule ist Bukowski wegen seiner unzugänglichen Art, seiner Akne und deutschen
Herkunft auf die Rolle eines Außenseiters festgelegt. Ein Journalismusstudium am L. A. 
City College bricht er nach kurzer Zeit wieder ab. Ohne Berufsausbildung zieht er in den
1940er-Jahren von Job zu Job, von Stadt zu Stadt, arbeitet in Hundekuchenfabriken und
Schlachthöfen, in Versandabteilungen und Tankstellen. Sein Alkoholkonsum in dieser Zeit
und auch später ist gleichbleibend hoch.
So lernten sich Buks Eltern kennen

Der Onkel erzählt seinem Neffen, wie seine Familie nach dem Ersten Weltkrieg Hunger
litt, wie sie sah, dass die einquartierten US-Soldaten Fleisch aßen und das Fett weg-
warfen, wie seine Schwester - die spätere Mutter Bukowskis - dem Sergeanten
Bukowski deshalb empört auf die Stiefel spuckte, wie der Sergeant ihr daraufhin jeden
Abend Fleisch, Brot, Gemüse brachte - und "so lernten sie sich kennen und später
heirateten sie." So hat er es also gedreht, registriert der Autor kühl. Das schlechte
Verhältnis zu seinem Vater war wohl ein Hauptgrund für sein rebellisches und zugleich
defätistisches Lebensgefühl. Der Ausfall des Vaters als Freund bedeutet Ausfall von
Mentorschaft, von Lebensinitiation - man geht mit einem Wettbewerbsnachteil auf   
die Strecke. Wer wir sind, sind wir durch die anderen und dann erst durch uns selbst.
Wer dumm ist, dem wurde nicht geholfen, und wer dagegen nicht rebelliert, bleibt ein
Leben lang dumm.
"Ich bin gerade jetzt glücklich, weil ich so lange unglücklich war. Es ist fast unheimlich, glücklich zu sein."              In einem Interview mit der Rhein-Zeitung, 3. Juni 1978
P.S.: Seit langem träumt die Charles-Bukowski-Gesellschaft davon, eine Gedenkstätte im
Andernacher Geburtshaus des Schriftstellers einzurichten. In dem Haus in der Aktienstraße     
"I look with much fondness toward you and toward Andernach, where   I began my life."
Aus einem Brief an Onkel Heinrich
                                        
© 2009-2020 Wolfgang Broemser
 
Der Maro Verlag brachte 2007
eine Neuausgabe der Ochsentour
heraus. (Darin wieder das Foto,
das Bukowski beim Verlassen des
Kölner Doms zeigt - ein
mittleres PR-Desaster. Wer
schleppte eigentlich Buk an
diesen Ort? Kein Freund.)
"Bukowski zelebrierte eine seltene Kunst - die Kunst des Verlierens." Gundolf S. Freyermuth
Galeerensträfling bei der Post

15 Jahre als Briefträger und -sortierer bei der Post, wo die Akkordarbeit getreu dem
Taylorismus genau gestoppt wird, bestärken Bukowski in dem Eindruck, dass er zu den
Nietenziehern gehört. Wer nicht ehrgeizig genug ist im bürgerlichen Leben, wird mit
besonders erniedrigender Arbeit bestraft. Dass die Würde des Menschen unantastbar 
sei, ist zwar eine Forderung des deutschen Grundgesetzes, doch die Arbeitswelt in den
USA und in Deutschland - für die das Grundgesetz gilt - hält sich eher wenig daran.

Aber Bukowski beginnt zu schreiben: erst Gedichte für Untergrund-Zeitschriften, dann
Erzählungen und Romane, in denen er die eigene Misere und die Misere anderer Lost 
Souls darstellt, realistisch und schockierend direkt. Das "Schweinische", der Sex und der
Suff, erscheint dabei als Privileg der Nichtprivilegierten, als Mittel, um zu spüren, dass 
man lebt, und zwar im wilden Zentrum des Lebens. Mit seiner brutalen und brutal guten
Schreibe will der Autor sich jenen Respekt erobern, den die Gesellschaft ihm bisher ver-
weigert hat. Der "Dirty Realism" ist Bukowskis Form der Rebellion. Und die Rechnung  
soll aufgehen...
Auch Bukowskis Witwe möchte, dass nach ihrem Tod im Haus ihres Mannes in Los Angeles    
ein Museum entsteht, mit dem Arbeitszimmer Buks und den Manuskripten seines Spätwerks.  
Es handelt sich um die Villa in San Pedro, die der vermögend gewordene Autor 1978 erwarb,
was enttäuschte deutsche Fans mit Liebesentzug quittierten ("bourgeoises Schwein", "Verräter
der Pennerklasse"). Ob die kalifornische Weltstadt oder die rheinische Kleinstadt einmal zum
Pilgerort wird, ist ungewiss; der Autor tippt auf die kalifornische Weltstadt. Immerhin kann
Andernach mit einer schnuckeligen Bukowski-Ecke in seiner Stadtbücherei aufwarten - eine 
von Andernachs schönsten oder "schmutzigsten" Ecken, je nach Gusto.
Im Ariel-Verlag erschien Los
Angeles - Andernach. Briefe an
Onkel Heinrich, hg. von der
Charles-Bukowski-Gesellschaft.
Der 2001-Versand schnitt die
Lesung Bukowskis 1978 in
Hamburg mit und gab sie als
LP heraus; 2008 neu
veröffentlicht auf CD ("Hello,
it´s good to be back!").
Das Label Bellaphon edierte
eine DVD mit Filmen von
Thomas Schmitt: "Charles
Bukowski in Hamburg" und
"Bukowski zum Siebzigsten"
(gedreht im Haus des Autors).
"Ich war immer in meiner Hölle und bin es noch"

Bukowski hat die Kraft zur Rebellion, doch legt er seinen Defätismus niemals ab. Er bildet
noch den Grundtenor der Ochsentour, obwohl sich da schon der Erfolg eingestellt hat:    
"Es stimmte doch, daß das Leben nicht zum Aushalten war, nur den meisten Leuten  
hatte man beigebracht, so zu tun, als wenn das nicht so wäre." Die Erfahrung, dass die
anderen, allen voran der Vater, einem geschadet und nicht geholfen haben, lässt sich 
nicht verwinden, auch wenn man sich auf seine alten Tage vom Nietenzieher zur
literarischen Stimme der Nietenzieher wandelt, dank plötzlich fließenden Tantiemen     
gar zum Besitzer eines Hauses (inklusive Jacuzzi und neun Katzen) wird.
Alle S/W-Fotos: Michael Montfort
"Hey, Buk, bei uns schäumt das Bier am besten!"
Der Ritterschlag zum Klassiker - ein eigenes Straßenschild in den Andernacher Rheinanlagen!
"Hank...?"
Aus dem Opfer der Umstände wird ein Popstar

1969 quittiert Bukowski den Dienst und versucht von der Schriftstellerei zu leben. Und    
endlich ist ihm das Glück hold. Sein Roman Der Mann mit der Ledertasche - über den    
Job bei der Post - und der Band Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stock aus dem
Fenster sprang werden zu Bestsellern, vor allem in seinem Geburtsland. Als Bukowski 
1978 zu einer Lesung nach Hamburg kommt - vor der er, "der eher schüchterne
Mensch" (Freyermuth), gehörig Angst hat -, feiern ihn 1200 Zuhörer wie einen Pop- 
star. Von diesem Ausflug zu den Wurzeln erzählt das Buch mit dem bezeichnenden Titel
Die Ochsentour. Der Einzelgänger steht erstmals permanent im Licht der Öffentlichkeit,
was ihn oft zu überfordern und zu ermüden scheint. Seine erste Deutschlandreise wird  
auch seine letzte bleiben.

In Andernach besucht Bukowski den 90-jährigen Onkel Heinrich. Dieser zeigt ihm sein
Geburtshaus in der Aktienstraße, das gerade zum Verkauf steht. In der Wohnung des
Onkels wird Buk herzlich bewirtet: "Die Wohnung war blitzblank, typisch deutsch wie
auch der Kuchen und Kaffee... es war die Zeit, wenn man sich zusammensetzte und
freundlich plauderte; es war eine Pause im Daseinskampf; sie war notwendig und gut."
Die Barmherzigkeit der Literatur

Dieser Autor war ein Wunder an Widerstandskraft, ein Loser, der nicht unterging, ein
Bad Guy, der menschlich blieb, ein Literat, der das glanzlose Leben der Abgestempelten
in glänzende Literatur transformierte (schlecht schreiben über ihn nur deutsche
Journalistinnen, denen es nicht passt, dass er so viele Frauen hatte). Bukowski gewährt
seinen Figuren die Gnade künstlerischer Verarbeitung, die sie vor sich selber und der
Verachtung der Leser schützt - im Gegensatz zu den quasi nackt abgefilmten Menschen
des sogenannten "Unterschichten-Fernsehens". Bukowski nimmt sich Zeit, dringt in
seelische Schichten vor, die seine Figuren mit den Lesern teilen. Solche Schichten
erreicht das Reality-TV nie. Stattdessen bedient es krude Vorurteile, liefert die ohne
den Filter der Fiktion dargestellten Personen dem Voyeurismus aus. Die Lost Souls im
Fernsehen verlieren  ein zweites Mal, während sie bei Bukowski ihre Würde zurück-
gewinnen. Jedoch nicht durch Moral, sondern durch stilsichere Überzeichnung, die  
das Leben der Außenseiter so vital, so komisch, so lustvoll vulgär erscheinen lässt,   
dass auch der normale Leser sich heimlich danach sehnt - und davon zehrt.
Selbstportrait in Öl, 1983
"Mein Essen bestand im Allgemeinen
aus einem Schokoriegel täglich. Eine
Flasche billiger Wein war das Teuer-
ste, was ich mir leistete. Ich rauchte
Selbstgedrehte und schrieb Hunderte
Short Stories, die meisten in Tinte  
mit der Hand." Basic Training/
Grundausbildung
"Ich wäre dein stärkster Held geworden, Hank. Ich eigne mich für schmutzige Literatur, großes Ehrenwort!"
Literatur, die gelingt, tröstet über ein misslungenes Leben hinweg, zaubert Sinn in die
Sinnleere, lässt das Hässliche zum Erkenntnismittel werden, weil sie es formvollendet
beschreibt. Das ist es wohl, was den Meister aus Andernach so populär gemacht hat,
neben der Romanhaftigkeit seines Lebens und dem Drang, Lebensweisheiten zu de-
stillieren, sich selbst und seine Leser zu coachen, weil man selbst nie gecoacht wurde.
Nach Bukowskis Tod übernahm die Huntington Library den Nachlass des Dichters, es
fanden Bukowski-Auktionen statt, und der Strom nachträglich publizierter Werke des
"Lieblingssäufers der Intelligenzler" riss jahrelang nicht ab. Doch aller Popularität zum
Trotz: Dieser Mann steht nicht jedem, schon gar nicht der Mehrheit. Dafür war er zu
groß im Leiden, Kämpfen und Provozieren. Er kann nicht imitiert werden - don't try.
"Ich wollte die Fallen umgehen und durchhalten, wollte an der Maschine sterben, mit einer Flasche Wein zur Linken und vielleicht Mozart aus  dem Radio zu meiner Rechten."
Kein "Giftschrank", alles frei zugänglich - die Bukowski-Ausstellung in der Stadtbibliothek wurde
2018 von der Künstlerin Doris Büma neu gestaltet. Nun soll sie womöglich innerhalb der Bücherei
umziehen. Was keine gute Idee wäre...
ist derzeit das Karnevalsmuseum eines begeisterten Faasenachters und Kranführers im Hafen
untergebracht. Der Mann hat, genau wie die Stadt, keinerlei Vorbehalte gegen diese Idee. Ein
Andernacher Bukowski-Museum könnte das Thema "Bukowski und Deutschland" abbilden; das
Archiv der in Bamberg ansässigen Gesellschaft birgt eine Fülle an Material. Doch sind die Bau-
und Betriebskosten bis dato eine unüberwindbar hohe Hürde.
Basic Training/Grundausbildung