Die literarische Stimme der Nietenzieher
Der "beste Underground-Poet des 20. Jahrhunderts" stammt aus Andernach. Charles         
Bukowski wurde hier 1920 als Sohn eines US-Soldaten und der Andernacherin Katherine
Fett geboren. Zwei Jahre später, nach dem Ende der amerikanischen Besatzung, zog die
Familie nach Los Angeles, in die Heimatstadt des Vaters, um. Der ehemalige Sergeant
arbeitet nun als Milchausfahrer, prügelt seinen Sohn, prügelt und betrügt seine Frau.

In der Schule ist Bukowski wegen seiner unzugänglichen Art, seiner Akne und deutschen
Herkunft auf die Rolle eines Außenseiters festgelegt. Ein Journalismusstudium am L. A. 
City College bricht er nach kurzer Zeit wieder ab. Ohne Berufsausbildung zieht er in den
1940er Jahren von Job zu Job, von Stadt zu Stadt, arbeitet in Hundekuchenfabriken und
Schlachthöfen, in Versandabteilungen und Tankstellen. Sein Alkoholkonsum in dieser Zeit
- und auch später - ist gleichbleibend hoch.

Galeerensträfling bei der Post

15 Jahre als Briefträger und -sortierer bei der Post, wo die Akkordarbeit getreu dem
Taylorismus genau gestoppt wird, bestärken Bukowski in dem Eindruck, dass er zu den
Nietenziehern gehört. Wer nicht ehrgeizig genug ist im bürgerlichen Leben, wird mit
besonders erniedrigender Arbeit bestraft. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist,
gilt vielleicht in der Welt des Rechts, die Arbeitswelt, auch die staatliche, hält sich eher
weniger daran.

Aber Bukowski beginnt zu schreiben: erst Gedichte für Untergrund-Zeitschriften, dann
Erzählungen und Romane, in denen er die eigene Misere und die Misere anderer Lost 
Souls darstellt, realistisch, schockierend direkt, mit ordentlich Sex- und Suffszenen. Das
"Schweinische" erscheint dabei als Privileg der Nichtprivilegierten, als Mittel, um zu
spüren, dass man lebt, und zwar im wilden Zentrum des Lebens. Mit seiner brutalen und
brutal guten Schreibe will der Autor sich jenen Respekt erobern, den die Gesellschaft   
ihm bisher verweigerte. Und die Rechnung soll aufgehen...
Der Maro Verlag brachte 2007 eine Neuausgabe der Ochsentour heraus.

Im Ariel-Verlag erschien Los Angeles - Andernach. Briefe an Onkel Heinrich, hg. von der Charles-
Bukowski-Gesellschaft.

Der 2001-Versand schnitt die Lesung Bukowskis 1978 in Hamburg mit und gab sie als LP heraus;
2008 neu veröffentlicht auf CD ("Hello, it´s good to be back!").

Das Label Bellaphon edierte eine DVD mit Filmen von Thomas Schmitt: "Charles Bukowski in
Hamburg" und "Bukowski zum Siebzigsten" (gedreht im Haus des Autors).
So lernten sich Buks Eltern kennen

Der Onkel erzählt seinem Neffen, wie seine Familie nach dem Ersten Weltkrieg  
Hunger litt, wie sie sah, dass die einquartierten US-Soldaten Fleisch aßen und das Fett
weg-warfen, wie seine Schwester - die spätere Mutter Bukowskis - dem Sergeanten
Bukowski deshalb empört auf die Stiefel spuckte, wie der Sergeant ihr daraufhin jeden
Abend Fleisch, Brot, Gemüse brachte - "und so lernten sie sich kennen und später
heirateten sie." So hat er es also gedreht, registriert der Autor kühl. Das schlechte
Verhältnis zum Vater war wohl ein Hauptgrund für sein rebellisches und zugleich
defätistisches Lebensgefühl. Der Ausfall des Vaters als Freund bedeutet Ausfall von
Mentorschaft, von Lebensinitiation - man geht mit einem Wettbewerbsnachteil auf     
die Strecke. Was wir sind, sind wir durch die anderen. Wer dumm ist, dem wurde    
nicht geholfen, und dem ist auch irgendwann nicht mehr zu helfen.

Der Nihilist kriegt die Kurve, bleibt aber Nihilist

Bukowskis Defätismus kommt noch in Die Ochsentour zum Ausdruck, dem Buch über
seine Deutschlandreise: "Es stimmte doch, daß das Leben nicht zum Aushalten war,    
nur den meisten Leuten hatte man beigebracht, so zu tun, als wenn das nicht so wäre."  
Doch für den Bukowski 50 Plus ist das Leben inzwischen durchaus zum Aushalten,
wandelt sich doch der Nietenzieher zur literarischen Stimme der Nietenzieher, kann 
sich frei schreiben von den Zwängen einer Lohnsklavenexistenz. Am Ende fließen die
Tantiemen so reichlich, dass der Gossenpoet gar zum Hausbesitzer wird.
"Ich wäre deine stärkste Romanfigur geworden, Hank!"
"Ich bin gerade jetzt glücklich, weil ich
so lange unglücklich war. Es ist fast
unheimlich, glücklich zu sein."          
Im Interview mit der Rhein-Zeitung,
3. Juni 1978
P.S.: Seit Jahren hofft die Charles-Bukowski-Gesellschaft, eine Gedenkstätte im Geburts-
haus des Schriftstellers einrichten zu können. Es enthält heute ein Karnevalsmuseum und 
ist im Besitz eines begeisterten Faasenachters und Kranführers im Hafen. Vorbehalte seitens
der Stadt und des Hausbesitzers gegenüber dem Plan gibt es zwar nicht, aber bis dato ist
die Finanzierung der Bau- und Betriebskosten ungeklärt. Sponsoren für das derzeit einzige
Bukowski-Museum weltweit werden dringend gesucht; sie können sich an folgende Adresse
wenden: roni@bukowski-gesellschaft.de.

Gemäß dem Willen von Bukowskis Witwe soll nach ihrem Tod auch im Haus des Ehepaars          
in Los Angeles ein Bukowski-Museum entstehen. Es handelt sich um eine Villa in San Pedro, die      
der vermögend gewordene Autor Ende der 70er Jahre erwarb, was enttäuschte deutsche Fans    
mit Liebesentzug quittierten ("bourgeoises Schwein", "Verräter der Pennerklasse"). Wer hat in
Sachen Museum am Ende die Nase vorn - das lustlose Andernach oder die rührige Witwe?       
Der Autor tippt auf die Witwe. Immerhin kann Andernach mit einer schnuckeligen Bukowski-   
Ecke in seiner Stadtbücherei aufwarten - eine von Andernachs schönsten Ecken. ;-)
"I look with much fondness toward
you and toward Andernach, where  
I began my life."
Aus einem Brief an Onkel Heinrich
"Hey, Buk, bei uns gibt´s richtigen Stoff!"
   "Bukowski is one of the most original voices in twentieth-century American literature."
                                      
Sara Hodson, Kuratorin bei der Huntington Library
"...und das Leben war einfach und ohne allzu viel Leid. Vielleicht auch ohne allzu viel Sinn, aber von dem ewigen Leid ein bißchen weg zu kommen, war schon Sinn genug."
                
Aus Fuck Machine
© 2009-2018 Wolfgang Broemser

Aus dem Opfer der Umstände wird ein Popstar

1970 quittiert Bukowski den Dienst und versucht von der Schriftstellerei zu leben.     
Und endlich ist ihm das Glück hold. Sein Roman Der Mann mit der Ledertasche (über den     
Job bei der Post) und der Band Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stock aus dem
Fenster sprang werden zu Bestsellern, vor allem in seinem Geburtsland Deutschland.   
Als Bukowski 1978 zu einer Lesung nach Hamburg kommt, feiern ihn 1200 Zuhörer   
wie einen Popstar.

In Andernach besucht er den 90-jährigen Onkel Heinrich. Dieser zeigt ihm sein Geburts-
haus in der Aktienstraße, das gerade zum Verkauf steht. In der Wohnung des Onkels
wird Bukowski herzlich bewirtet: "Die Wohnung war blitzblank, typisch deutsch wie
auch der Kuchen und Kaffee... es war die Zeit, wenn man sich zusammensetzte und
freundlich plauderte; es war eine Pause im Daseinskampf; sie war notwendig und gut."
Ecke Aktienstraße/Im Winkel:
Fastnachts-Kladderadatsch statt
Bukowski-Pilgerstätte
Die Barmherzigkeit der Literatur

Dieser Schriftsteller ist ein Wunder an Widerstandskraft: ein Loser, der nicht unter-
geht, ein Bad Guy, der menschlich bleibt, ein Literat, der das glanzlose Leben der
Abgestempelten in glänzende Literatur transformiert. Bukowski gewährt seinen   
Figuren die Gnade künstlerischer Verarbeitung, die sie vor sich selber und der          
Verachtung der Leser schützt - ganz im Gegensatz zu den quasi nackt abgefilmten
Menschen des "Unterschichten-Fernsehens" von RTL & Co. Bukowski nimmt sich    
Zeit, dringt in seelische Schichten vor, die seine Figuren mit den Lesern teilen. Solche
Schichten erreicht das Reality-TV nie. Stattdessen bedient es krude Vorurteile, liefert
die ohne den Filter der Fiktion dargestellten Personen dem Voyeurismus aus. Die Lost
Souls im Fernsehen verlieren ein zweites Mal, während sie bei Bukowski ihre Würde
zurückgewinnen. Literatur kennt keine Werbepausen, animiert nicht zum Zappen.
Literatur, die gelingt, tröstet über ein misslungenes Leben hinweg, zaubert Sinn in die
Sinnleere. Das ist es wohl, was den Meister aus Andernach zum Kultautor gemacht hat,
in der Alten und zuletzt auch in der Neuen Welt. Nach seinem Tod übernahm die
Huntington Library Bukowskis Nachlass, es finden Bukowski-Auktionen statt, und der
Strom nachträglich publizierter Werke des "Lieblingssäufers der Intelligenzler" reißt
nicht ab.