Der aufgeschobene Tigersprung oder: Warum hat keiner Lust auf uns? 
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© 2009-2020 Wolfgang Broemser
"Was ich vermisse, ist Kreativität im Welterbetal. Da erlebe ich, dass hungrig herum laufende
Touristen in einer Bäckerei nach belegten Brötchen fragen und abgespeist werden mit der Antwort:
Uffschnitt ist aus, statt dass jemand ins paar Meter entfernte Lebensmittelgeschäft geht und Uffschnitt
holt... Ödnis, kein ansprechendes Ambiente. Touristen irren herum mit der Frage in den Augen:     
Ja, wo ist sie denn, die Schönheit? Das kulinarische Angebot versteckt sich gut. Kleine Gerichte und
Snacks im Zentrum? Uffschnitt ist aus!"
...liegt aber im toten Winkel

O je - in Andernach gibt´s Uffschnitt in Hülle und Fülle! Die Schönheit muss man auch
nicht unterm Gullydeckel suchen. Doch die Stadt liegt - trotz Geysir - im toten Win-  
kel des Rheintourismus, weder im oberen Mittelrheintal noch am Drachenfels. Von
Besucherströmen wie in Koblenz, Linz oder St. Goar kann man hier nur träumen. Der
Linienverkehr der "Köln-Düsseldorfer" fährt die Stadt schon seit Jahren nicht mehr an,
obwohl sie die schönsten Rheinanlagen hat. Auswärtige Investoren wittern hier keine
großen Renditechancen. Und einheimische Unternehmer können ein Hotelprojekt mit
Baukosten im zweistelligen Millionenbereich wohl nicht schultern. Bisher also steht
Andernachs neues "Römer Areal" trotz Fünf-Sterne-Lage unter keinem guten Stern...
 
Andernach hat Kreativität und jede Menge Uffschnitt...

Der Anblick des von Archäologen umgepflügten "Ackers" zwischen Rhein und Hoch-
straße geht inzwischen auch dem gutmütigsten Andernacher auf die Nerven. Hoch-
klassige Hotels wirken städtebaulich oft Wunder, werten ehemalige Brachen auf, weil   
sie, im Gegensatz zu Lagerhallen oder Tankstellen, auch architektonisch gefallen müssen.
Mit einem Wellness- und Kongresshotel direkt am Rhein - statt auf einer Anhöhe über
dem Rhein - könnte Andernach den entscheidenden Tigersprung machen und seine
Mitbewerber abhängen. Die Rückständigkeit von Hotellerie und Gastronomie am
Mittelrhein wird oft beklagt. Zur Illustration ein Leserbrief aus der Rhein-Zeitung, der  
sich, wohlgemerkt, auf einen anderen Ort bezieht:
Andernacher Bürger installierten diese
nicht mehr ganz taufrischen Helio-
state auf den Höhen von Leutesdorf, um
Sonnenlicht auf die linke Rheinseite um-
zulenken und Wein am Krahnenberg
anbauen zu können. Die Geräte wurden
aber von Leutesdorfern (?) wieder entfernt.
Seitdem hängt der Haussegen zwischen
den Nachbargemeinden schief (Ausschluss
aller Andernacher vom Leutesdorfer
Winzerfest, Forderung nach Einstellung des
Schiffsverkehrs zwischen Andernach und
Leutesdorf etc.).
"Arschlöcher - dieses Dorf verstößt  gegen das Grundgesetz!"
Gegen den Urheber dieser Äußerung strengt die Initiative "Kein Hass im Netz" derzeit ein Seitenausschluss-verfahren an.
"Solche Ausdrücke verwende ich nie."
Die Iren und ein Bayer kamen - und gingen wieder

Zunächst schien alles gut anzufangen. Nach einer europaweiten Ausschreibung zur
Bebauung des beräumten Areals entschied sich die Stadt unter zwei Bewerbern für eine
irische Investorengruppe. Diese wollte ein Vier-Sterne-Hotel mit Wellness-Bereich und
Tiefgarage sowie Wohnhäuser an der Hochstraße bauen. Das Hotel, so die Planung,  
sollte spätestens zur Bundesgartenschau in Koblenz fertig sein. Mit der Lindner-Gruppe
gab es sogar schon einen potentiellen Betreiber - obwohl die Kettenhotellerie sonst 
einen Bogen um kleine Städte macht. Doch dann sagte der irische Investor plötzlich
Goodbye, angeblich wegen der Finanzkrise. Als nächstes erschien ein bayrischer
Immobilienentwickler auf dem Plan, der bisher noch nichts entwickelt hatte. Er schlug  
der Stadt ein Gesundheitshotel mit dem unschlagbar antik klingenden Namen "Forum
Romanum" vor. Die auf dem Areal freigelegten römischen Ausgrabungsfunde sollten in 
den Komplex integriert werden. Ein Münchner Architekt zeichnete Pläne, die im
Stadtrat für Furore sorgten. Doch als die Stadt nach Finanzierungsunterlagen fragte,
bekam die Lederhose kalte Füße und sprang ab.
Neue Kunden braucht die Stadt

Ob ein First Class Hotel ein Gewinn für Andernach wäre, bezweifeln manche, vor allem
natürlich die einheimischen Hoteliers. Der Oberbürgermeister und die Mehrheit im
Stadtrat sehen in dem Projekt dagegen ein Vehikel, um eine Klientel nach Andernach zu
locken, die es hier bisher nicht gab, von der auch der einheimische Handel profitieren
könnte. Der Betrieb eines hochwertigen Hotels ist aber langfristig nur profitabel, wenn
mehrere Zielgruppen - Touristen, Geschäftsreisende, Tagungsteilnehmer - adressiert
werden, mithin eine ganzjährige Auslastung garantiert ist. Dann müsste ein in die Stadt
eingebettetes Hotel eigentlich viel besser funktionieren als die isolierten Höhenhotels, 
wie es sie anderswo im Mittelrheintal gibt.* Und die alteingesessenen Betriebe wären
nicht gefährdet, weil der Neuzugang in einer anderen Liga spielte.
Seit dem Abriss der Malzfabrik Weissheimer ist in der sonst so beschaulichen Bäcker-
jungenstadt ein permanentes Schreien zu vernehmen: Es ist die riesige Brache am    
Rheinufer, zwischen Kirch- und Schaarstraße, die verzweifelt nach einer neuen Nutzung  
schreit - bis dato jedoch vergeblich. Denn die Stadt tut sich schwer mit der Suche nach
einem Investor. Dabei ist nicht nur Stadtrat Hans Schwarz-Heintges von der Freien
Wählergruppe überzeugt: "Eine Stadt, deren Bevölkerung abnimmt, muss etwas dagegen
unternehmen, muss Lust auf sich wecken. Für das ehemalige Weissheimer-Gelände ist
eine sinnvolle Verwendung absolut geboten."
*) Beispiel für ein 4-Sterne-Wellnesshotel am
Mittelrhein: das Schlosshotel Rheinfels
oberhalb von St. Goar. Das vielfach aus-
gezeichnete Haus vis-à-vis der Loreley hat
allerdings nur 63 Zimmer und einen relativ
kleinen Wellnessbereich. Außerdem fehlt dem
Höhenhotel die direkte Verbindung zur Stadt
und zum Rhein. Dasselbe gilt auch für das Golf-
und Wellnesshotel Jakobsberg des Haribo-Chefs
Hans Riegel oberhalb von Boppard.