Victor Hugo begriff die Touristen nicht
Gemütliche Rückständigkeit

Andernach erscheint in den Aufzeichnungen Hugos - später veröffentlicht in seiner
wenig gelesenen Rheinreise - als verschlafenes Idyll, von Verfall und Rückständigkeit
geprägt. Schiffe werden noch von Pferden rheinaufwärts geschleppt. Tatsächlich war die
erste Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Stadt "eine schwere Zeit" (Hans Hunder), die
Armut und Missernten bereit hielt. Erst 1858 bekam Andernach einen Bahnhof, erst
nach 1860 siedelten sich hier Industriebetriebe an, verabschiedete sich das Städtchen
vom Agrarzeitalter.

Doch andererseits behagen dem romantischen Dichter die Rückständigkeit und die
Stille. Die Schönheit der Landschaft und der geschichtlichen Zeugnisse lässt sich so viel
intensiver erfahren:

"Ich begreife die Touristen nicht! Dies hier ist doch ein herrlicher Ort. Eben habe ich die Gegend durchwandert,   
die reizend ist. Von der Höhe umfasst der Blick einen Riesenkreis, vom Siebengebirge bis zu den Kämmen des
Ehrenbreitstein. Hier ist doch kein Baustein, der nicht ein Andenken, keine Wendung der Landschaft, die nicht eine
Schönheit wäre. Die Einwohner sind von freundlichem, einnehmendem Wesen, das dem Reisenden wohltut.
Andernach ist eine allerliebste Stadt, und doch bleibt Andernach sehr verlassen. Kein Mensch kommt hierher. Alles
zieht dahin, wo der Lärm ist, dahin, wo die Geschichte, die Natur, die Poesie ist, nach Andernach zieht niemand."

Am Ort der Imperatoren

Zwei Mal besucht Hugo den Mariendom, "der im Innern schön, aber abscheulich ver-
putzt ist." Bereitwillig vertraut er dem Gerücht, dass Kaiser Valentinian und ein Kind
Friedrich Barbarossas hier begraben worden seien. Dieser - auf einem Grabfund aus
dem Mittelalter beruhende - Irrglaube erstaunt nicht, entspringt er doch Hugos
Wunsch, alles im Rheinland und den rheinischen Städten mit historischer Bedeutung
aufzuladen. Der Rhein ist für diesen geschichtsbesessenen Franzosen der Ort Caesars,
Karls des Großen und Napoleons. Hier empfing die Geschichte Deutschlands und
Frankreichs, und damit Europas, ihre entscheidenden Impulse. Um so melancholischer
registriert der Dichter, dass Andernach, groß in der römischen und fränkischen Ver-
gangenheit, so bedeutungslos in der Gegenwart ist:  

"Das furchtbare Kastell, das Andernach von der Morgenseite verteidigte, ist nichts mehr als eine große Ruine,    
die ihre ausgebrochenen Tor- und Fensteröffnungen den Sonnen- und Mondesstrahlen trauernd preisgibt. Den
Waffenhof dieses Kriegsplatzes bedeckt hohes grünes Gras, worauf die Frauen im Sommer das Linnen bleichen,
das sie im Winter gesponnen haben."

Das leere Grab von Weißenthurm

Jedoch lebt dieser Rheintourist nicht nur im Gestern. Napoleon gilt ihm als Erbe der
großen Caesaren, der den Völkern die Freiheit und Zivilisation brachte - und die
Franzosenzeit ist erst 25 Jahre vorbei. Überall stößt Hugo am Rhein auf Spuren der
glorreichen Vergangenheit, die der Kompass auch der Gegenwart ist. In einem Bohnen-
feld bei Weißenthurm besucht er das eingerüstete Grabmal des Revolutionsgenerals
Lazare Hoche. Es wird gerade durch die preußische Verwaltung renoviert. Die Buch-
staben von Hoches Namen sind abgerissen, aber ihr Abdruck ist noch sichtbar (wahr-
scheinlich hatten Metalldiebe die bronzenen Lettern gestohlen).

Hugo verehrt den jungen Feldherrn als ein Instrument der Vorsehung, "die wollte,    
dass die Revolution siege und Frankreich herrsche". Ergriffen kriecht er, im Schein einer
Vollmondnacht, auf den Knien ins Innere der Gruft. Doch den Sarg des Toten sucht er
vergeblich - er findet nichts außer einem Loch im Fußboden, das in ein finsteres
Gewölbe blicken lässt. Enttäuscht kehrt der Dichter um. Er wusste nicht, dass sein
geliebter General zu dieser Zeit noch in Koblenz-Lützel begraben lag. Denn das mit
Spenden von Hoches Soldaten finanzierte Monument sollte erst nach dem Ersten Welt-
krieg vollendet werden - als die Franzosen erneut die Herren im Rheinland waren.

P.S.: Interessanterweise schildert Hugo seinen Ausflug so, als sei er unwillkürlich, durch das Wirken der
Vorsehung, zu dem Denkmal gelotst worden. Daher spielt er den Unwissenden ("Wessen Grabmal ist
dies?"), fragt einen Passanten nach dem Namen des Dorfs. Tatsächlich aber war er wohl in der festen
Absicht nach Andernach gekommen, das Mausoleum Hoches zu besuchen (vgl. Josef Ruland: Ein Dichter,
ein Denkmal und ein General, Koblenz 1979). Doch der "Goethe der Franzosen" empfand sein Leben,
zumindest damals noch, wie einen romantischen Roman - und stilisierte es dementsprechend.
"Sie sollen ihn nicht haben,/den freien deutschen Rhein,/ob sie wie
gier´ge Raben/sich heiser danach schrei´n."

Nikolaus Becker verfasste sein patriotisches Poem im Jahr von
Hugos Rheinreise 1840. Dafür bekam er vom preußischen
König tausend Taler und wurde Ehrenmitglied im Bonner
Maikäferbund. Im selben Jahr entstand auch Max Schnecken-
burgers "Die Wacht am Rhein". Beide Lieder zeigen, dass
Hugos Eindruck, die Deutschen seien Frankreich gegenüber
"sehr viel weniger feindlich gesinnt, als die Franzosen meinen",
trügerisch war. Die vermeintlich nur defensiven Gesänge
stimmten auf künftige Waffengänge ein.  Bild: Wikipedia
Hatte im Gegensatz zu seinem erfolg-
reichen Schöpfer wenig zu lachen:
Quasimodo, der Glöckner von
Notre Dame (Illustration aus einer
Ausgabe des Romans von 1836). Aber
auch einem Quasimodo des digitalen
Zeitalters kann es mies ergehen...
"Und wie er so, fast zufällig, dahinzog, kam er an die Ufer des Rheins."
Frédéric Chopin: Nocturne op. 9 Nr. 2
Liegt heute nicht mehr in einem Bohnen-
feld: das im Zentrum von Weißenthurm
aufragende Denkmal für Lazare
Hoche. Es erinnert an den Rhein-
übergang des französischen Generals
1797. Die aus Grabkammer, Sockel und
Obelisk bestehende Anlage wurde nach
einem Entwurf des Architekten Peter
Joseph Krahe erbaut (er plante auch das
Koblenzer Theater). Der Hoche-Park ist
Eigentum des französischen Staates und
erst seit 1978 für die Bürger zugänglich.
Foto: Bulloz, Paris

Der französische Chefromantiker Victor Hugo reiste allein "und ohne jede andere   
Absicht, als viel zu träumen und ein wenig nachzudenken", an den deutschen Strom. Mit
dem Dampfschiff von Köln kommend, stieg er im September 1840 in Andernachs Hotel
"Zum Russischen Kaiser" ab. Dort hatte 1818 schon Zar Alexander übernachtet. Am
selben Ort stand früher die Militärkommandantur der Römer, dann möglicherweise die
fränkische Königspfalz (archäologisch nicht belegt). Einige Jahrzehnte nach dem Besuch                    
des Dichters sollte hier die Malzfabrik Weissheimer ihr Stammhaus einrichten.

Gut gefüllte Reiseschatulle

Der prominente Gast reiste incognito, wohl wissend, dass sein Bestseller-Erfolg Notre
Dame de Paris (dt. Der Glöckner von Notre Dame) und seine großen Dramen ihn auch
jenseits des Rheins bekannt gemacht hatten. Geld zum Reisen besaß er genug - zwei Jahre
zuvor hatte ein Verlag für 300.000 Francs die Rechte an seinen bisher veröffentlichten
Werken erworben.

"Die Aussicht von meinem Fenster ist überraschend schön. Vor mir der Fuß eines hohen Berges, der mich kaum   
einen schmalen Streif des Horizonts sehen lässt, hierauf ein schöner Turm, auf dessen Dach sich, in köstlicher
Verbindung, die ich bisher noch nirgends gesehen habe, ein anderer kleinerer, achteckiger Turm mit acht Giebeln und
einem kegelförmigen Dach erhebt; zu meiner Rechten der Rhein und das niedliche weiße Dörfchen Leutesdorf; zu
meiner Linken die vier byzantinischen Türme einer herrlichen Kirche... Unter meinem Fenster schnattern in
vollkommener Eintracht Hühner, Kinder und Enten. Weiter hinten klettern Bauern durch die Weinberge."

Gleich am ersten Tag seines Aufenthalts fertigt Hugo von seinem Hotelzimmer aus eine
Tuschzeichnung des Runden Turmes an, mit Krahnenberg, Leutesdorf und Festung Ham-
merstein im Hintergrund. Das Werk widmet der 38-Jährige seiner Tochter Leopoldine.   
In der Unterzeile heißt es: "Was ich von meinem Fenster sehe - Andernach, Rheinufer, 
10. September 1840, 4.00 Uhr nachmittags - für meine Didine."
© 2009-2016 Wolfgang Broemser