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Therese fasste in der Fremde schnell Fuß

Wie erging es nun Therese im fernen Nippon? Mit einem Wort: märchenhaft! Zwar
belegen die vielen Briefe, die sie nach Andernach schreibt, Heimweh, trotzdem "steht sie
mit beiden Beinen auch in ihrem neuen Leben. Man spürt, wie sich allmählich neue
Wurzeln bilden und die Gewöhnung an fremde Lebensweise, an ungewohnte Umgangs-
formen, Fortschritte macht" (N. Jahn). Die Familie des prominenten Wissenschaftlers
verkehrt in den besten Kreisen, und die rheinische Kaufmannstochter beweist, dass sie
absolut parkettsicher ist. Therese lehrt an der Frauenhochschule von Tokio und versucht,
dem Land deutsche Küche und Kultur schmackhaft zu machen. Im Jahr des verheerenden
Erdbebens in Tokio, 1923, empfangen die Nagais sogar Albert Einstein, als dieser ver-
sucht, die Aufhebung des nach dem ersten Weltkrieg gegen Deutschland verhängten
Wissenschaftsboykotts zu erwirken.

Deutschland als zweites Vaterland

Drei Kinder, Alexander, Elsa und Willy, gehen aus der Ehe hervor. Die Namen verraten,
welch perfekte deutsch-japanische Symbiose im Hause Nagai herrscht. Die Kinder
sprechen ausgezeichnet Deutsch und empfinden die Heimat der Mutter zeitlebens als ihr
zweites Vaterland. Der ältere Sohn Alexander arbeitet später als Diplomat in Berlin und
Hamburg. Nach einem Besuch bei den Schumachers in Andernach schreibt er:

"Andernach ist meine zweite Heimat geworden und ein starker Zug zieht mich hin. Ich habe mich so ganz zu   
Hause gefühlt und das Bild vom Andernacher Turm und Dom steht auf meinem Tisch... Den schönen Wein, der die
Menschenherzen lustig und zufrieden macht, vermisse ich sehr."

Es ist ein Schock für die Familie, als 1924 die innig geliebte Mutter im Alter von nur         
61 Jahren stirbt. Sie wird auf eigenen Wunsch an einem herrlich gelegenen Ort hoch über
dem Meer, mit Blick auf den Fujiyama, beerdigt. "Auch hier ehrt man das Andenken und
die Herkunft einer ungewöhnlichen Frau: Ein Reliefbild des Andernacher Mariendoms
ziert neben einer an diesem Ort recht ungewöhnlichen, fast lebensgroßen Marienstatue
'Mamasans' Grabmonument, die heutige Familiengrabstätte" (N. Jahn).

Gedächtnisorte in Tokio und Andernach

Fünf Jahre später stirbt auch Vater "Wilhelm". Kurz zuvor war er noch einmal durch
Deutschland gereist und dabei zum Ehrenmitglied der Deutschen Chemischen Gesell-
schaft ernannt worden. 1972 errichtete die Japanische Pharmazeutische Gesellschaft auf
einem von der Familie gestifteten Grundstück mitten in Tokio die Nagai-Gedächtnishalle.
Im Jahr 2000 würdigte die Deutsch-Japanische Gesellschaft Nagais Werk mit einer
Ausstellung in Berlin, die den Titel trug: "Eine japanisch-deutsche Gründergeschichte".
Drogenpionier wider Willen

Tragik eines Forscherlebens: Humanitär
in seinen Absichten und unmittelbaren
Wirkungen - Völkerverständigung,
Förderung der Frauen -, entdeckte
Nagai gerade solche Stoffe, die heute
für weltweiten Drogenmissbrauch
verantwortlich sind. 1893 synthetisierte
er das Stimulans Metamphetamin, das
deutsche Soldaten im Zweiten Welt-
krieg verwendeten ("Hermann-Göring-
Pillen"). Heute macht es als Wirkstoff
der berüchtigten Droge Crystal Meth
Schlagzeilen. In der TV-Serie Breaking
Bad produziert und verkauft ein
krebskranker Chemielehrer die Droge,
um das Auskommen seiner Familie
nach seinem Tod zu sichern. Auch das
Ephedrin, das Nagai aus dem Ephedra-
Kraut, einer chinesischen Heilpflanze,
isolierte, gilt heute als bedenklich.
Ursprünglich diente es als Asthma- und
Hustenmittel. Doch seit 2001 sind
Ephedrinpräparate in deutschen
Apotheken nicht mehr frei erhältlich,
weil aus ihnen Appetitzügler und
Drogen hergestellt werden können.
"Die eigenständige Entwicklung Japans
ist der einzige Weg, dem Westen
unsere Dankbarkeit zu zeigen für
das, was wir gelernt haben. Damit
können wir den Westen auch an
unseren neuen Errungenschaften
teilhaben lassen. Für Geschenke muss
man sich revanchieren."
                   Prof. Nagayoshi Nagai
 
Lang Lang: Autumn Moon on a calm Lake
Als Therese Schumacher lernte, mit Stäbchen zu essen...
Zur Erinnerung an die Hochzeit seiner
Großeltern im Mariendom stiftete Enkel 
Teigi Nagai 1994 diesen imposanten
Kronleuchter. Er stellt das Himmlische
Jerusalem dar und hängt über dem Hoch-
altar der Andernacher Pfarrkirche. Schöpfer
der Bronzeplastik war der international
gefragte, in der Eifel lebende Bildhauer
Ulrich Henn († 2014).                               

...trugen Polizei und Militär in Deutschland noch Pickelhauben, war Frankreich der innig
gehasste Erbfeind, und sollte die kaiserliche Flotte mindestens so stark werden wie die
britische. Doch bei der Andernacherin und ihrem japanischen "Märchenprinzen" standen
die Zeichen auf Neugier und Offenheit für das Fremde. Prof. Nagayoshi Nagai war der
Pionier der pharmazeutischen Wissenschaft in seinem Land, Therese die Tochter eines
Kohlen- und Baustoffhändlers aus der Kölner Straße, Nagais über alles geliebte deutsche
Frau.

In einem Frankfurter Hotel funkte es

Wie kam es zu dieser außerordentlichen Liaison, verglichen mit der die Verbindung von
Katherine Fett und dem GI Charles Bukowski sen. fast alltäglich wirkt? Der Funke sprang
in Frankfurt über, am 3. September 1884. Der schon 39-jährige Dr. "Wilhelm" Nagayoshi
Nagai machte zum Abschluss seines Chemiestudiums in Berlin eine Rheinreise:

"Als ich zurück nach Frankfurt kam, war ich die ganze Zeit mit Frau Lagerström (seiner Berliner Pensionswirtin,   
Anm. d. Verf.) im Hotel Nassauer Hof zusammen. Es gab da eine Mutter mit einer Tochter. Im Speisesaal habe ich
sie zum ersten Mal gesehen. Ich dachte: Was für ein herrliches Mädchen... Mit dem Fräulein wollte ich mich
unterhalten, aber es kam kein Wort zum Mund. Nach einer Weile habe ich endlich ein Wort gesagt: 'Möchten Sie
keinen Honig?' Meine Stimme zitterte. So haben wir uns kennengelernt." (Zit. n. Norbert Jahn, Da erfasste mich
Sehnsucht nach Euch lieben Menschen... Ich muss Euch schreiben. - Fast ein Briefroman, in: Andernacher Annalen 6)

Offenbar hatte dieser Held der Wissenschaft bis dahin nur für das Studium der Pflanzen-
medizin und organischen Chemie gelebt. Dank einem Regierungsstipendium hatte er sich
an der Berliner Universität "das Rüstzeug für eine glänzende Karriere im eigenen Land
erworben"  (N. Jahn). Mit einer Arbeit über Eugenol war er zum Doktor promoviert
worden. Aus Verehrung für sein Gastland nannte Nagai sich fortan "Wilhelm". Gut mög-
lich, dass dieser urdeutsche Name Berührungsängste bei der Familie seiner zukünftigen
Frau abbauen half. Denn das 21-jährige "herrliche Mädchen" aus Andernach war von dem
feschen Samurai ebenso angetan wie er von ihr. Zunächst musste sich das frisch verliebte
Paar aber wieder trennen.

Hochzeit im Mariendom

Im Jahr des "Funkenflugs" wurde Nagai nämlich an die Universität Tokio berufen und
gründete dort eine pharmazeutische Firma. 1885 entdeckte er das Ephedrin, die
Grundsubstanz eines Asthma- und Hustenmittels. Der Mann aus dem fernen Osten war
also mittlerweile eine erstklassige Partie, als er sich am 27. März 1886 mit Therese in der
Andernacher Pfarrkirche vermählte - auch wenn er kein Christ war. Doch auch das
wurde korrigiert, durch Nagais Übertritt zum Katholizismus dreizehn Jahre später.

In der Folgezeit entwickelte sich der Professor zum Gründungsvater der modernen
Chemie und Pharmazie in Japan. Er war der erste Präsident der Japanischen  Gesellschaft
für Pharmazie, Mitbegründer der Frauen-Universität von Tokio, Mitglied der Kaiserlichen
Akademie der Wissenschaften. 1911 wurde er Präsident der neu  gegründeten Japanisch-
Deutschen Gesellschaft. Er setzte sich für die Gleichstellung der Frauen ein, ebenso für
den Kontakt und den Ausgleich mit anderen Ländern.
© 2009-2016 Wolfgang Broemser